Abb. 304. Inneres einer ostjakischen Hütte (Tschum).
In der Mitte das Herdfeuer mit dem Kochkessel an einer Stange, die zum Aufhängen der Wäsche und der nassen Kleider dient. Links oben ein Hausgötze, links unten Lagerstätten (aus Riedgrasbündeln gefertigte Matten mit Renntierfellen).
Die Mitwirkung eines Schamanen pflegt meistens auch gefordert zu werden bei der Aufdeckung eines Diebstahls, beim Wahrsagen, beim Wetterzauber und bei der Herstellung von Amuletten. Schließlich fällt ihm noch die Aufgabe zu, die Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.
Aus: Deniker, Races of Men.
Abb. 305. Tunguse in seiner typischen Tracht
mit Schneeschuh und Stock auf der Jagd.
Wenn eine Schwangere bei den Sibiriern merkt, daß ihre schwere Stunde naht, dann zieht sie sich für einige Zeit in eine besondere Jurte oder Schneehütte zurück oder begibt sich abseits vom Dorfe ins Dickicht, um niederzukommen. In dieser Zurückgezogenheit bringt sie nach der Geburt auch noch einige Wochen (bei den Samojeden bis zu zwei Monaten) zu; nach Abschluß dieser Zeit unterzieht sie sich einer Läuterung. Bereits während ihrer Schwangerschaft ist die junge Mutter mancherlei Verboten unterworfen. Bei den Ostjaken ist es ihr untersagt, sich einem Manne zu nähern oder über Gegenstände des Haushaltes zu steigen. Ist ein schwangeres Weib zufällig doch über ein Netz gestiegen, so wird dieses zerschnitten, dann aber wieder zusammengenäht. Bei den Inuk muß sie aus einem besonderen Gefäß trinken, darf ihre Nahrung nicht vor der Hütte zu sich nehmen und mehr dergleichen. Wenn bei den Golde eine Frau Mutter wird, dann pflegt sie den Schamanen über die Zukunft ihres Kindes um Rat zu fragen. Sie verschluckt die Regenbogenhaut eines Bärenauges, damit das Kind ein gutes Aussehen bekomme, sagt dies aber keinem anderen, sondern behauptet, daß sie das Auge versteckt habe; denn es würde ihr als Sünde ausgelegt werden, wenn sie sie etwa gegessen hätte. Nach dem Glauben dieses Volkes leben die menschlichen Seelen vor ihrer Geburt im Himmel, wo sie in der Gestalt eines kleinen Vögelchens in einem großen heiligen Baume wohnen. Steigt eine solche Seele zur Erde hinab, dann bildet sie sich im Leibe der Frau zu einem Menschen um. Stirbt das Kind innerhalb eines Jahres, dann kehrt seine Seele wieder zum Himmel zurück, behält aber die Fähigkeit, zum zweitenmal Mensch zu werden. — Die Geburt geht meistens unter Beihilfe einer alten Frau vor sich. Um ihre schwere Stunde zu erleichtern, muß die Gebärende bei den Ostjaken dieser ihre Sünden bekennen. Soviel Sünden sie beichtet, so viel Knoten macht die Alte in einen dünnen Strick. Gleichzeitig aber bekennt der Mann ebenfalls einer alten Frau, daß er in unerlaubtem Verkehr mit einem fremden Weibe gestanden oder daß er, was gar nicht so selten ist, Sodomiterei getrieben habe. Auch diese bindet für jedes Vergehen einen Knoten in einen Strick. Darauf werden beide Stricke miteinander verglichen, die überzähligen Knoten werden abgeschnitten, und der Rest wird der Kreißenden auf den Unterleib gelegt. Falls die Eheleute keine Sünde bei dieser Generalbeichte verheimlicht haben, steht der Gebärenden eine leichte Geburt bevor. Nach der Niederkunft muß die Frau sich gewissen Reinigungsgebräuchen unterziehen, die in der Hauptsache darin bestehen, daß sie sich täglich an dem Feuer in ihrer Hütte, in das sie wohlriechende Stoffe geworfen hat, durchräuchern läßt, auch wohl darüber hinwegspringt. Der Samojedin ist es zwei Monate lang verboten, frisches Fleisch zu essen, der Inukfrau sogar ein Jahr lang; auch darf diese das Fleisch eines durch Herzschuß getöteten Tieres nicht verzehren. Beim Wiederbetreten der gemeinsamen Wohnung legt sich die Ostjakin vor dem Eingang auf die Erde, worauf sämtliche Hausbewohner über sie wegschreiten; die Inukfrau betritt bei dem gleichen Anlaß das Haus nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Wand, die Tungusin ebenso durch ein Loch in der Decke; alles dieses hängt offenbar mit der Reinigung der Wöchnerin zusammen.
Aus: Falkenhorst, Nordpolfahrten.