Aberglaube und Zauberei sind unter der persischen Bevölkerung noch sehr im Schwange. Zahlreich sind die Mittel, sich einer lästigen Person oder eines Feindes auf dem Wege des Sympathiezaubers zu entledigen. Zu diesem Zwecke muß man ein bestimmtes Gebet einundvierzig Tage lang lesen, dann stirbt der Feind, oder man fertigt sich ein Bildnis an, das die unliebsame Person vorstellen soll, schlägt es täglich bis zum vierzigsten Tage und haut ihm am nächsten Morgen den Kopf ab, dann stirbt die betreffende Person ebenfalls, oder endlich man nagelt ein Stück Schafsfett an die westliche Mauer eines unbenutzten Friedhofs, am besten an einem Mittwoch, und steckt vierzig Tage lang eine Stecknadel in das Fett; in dem Maße, wie das Fett vergeht, löst sich auch der Feind auf. Es wird versichert, daß Leute, die von diesem Zauber, der gegen sie angewendet wurde, hörten, so in Angst und Aufregung gerieten, daß sie wirklich starben. Wünscht man nicht den Tod einer Person, sondern nur ihre Unbeliebtheit, dann zerstößt man eine Eselsrippe und mischt sie unter ihr Essen. Es muß aber eine linke Rippe sein; würde man aus Versehen eine rechte Rippe dazu verwenden, dann träte das Gegenteil ein, die betreffende Person würde in hohem Grade beliebt werden. — Sehr verbreitet ist auch der Liebeszauber. Um die Neigung des Mannes zurückzugewinnen, streut die Frau Kardamom, Nelken, Zimt und anderes Gewürz in einen Krug, liest über ihm das schon erwähnte Yasinkapitel aus dem Koran siebenmal rückwärts, füllt hierauf die Kanne mit Rosenwasser, legt noch ein Blatt Papier, das den Namen ihres Mannes und die von vier Engeln enthält, sowie das Hemd des ersteren hinein und setzt schließlich das Ganze aufs Feuer; sobald die Flüssigkeit in der Kanne kocht, kehrt der Ungetreue eilenden Schrittes heim. Oder ein anderes, nicht minder wirksames Mittel. Man kratzt den Namen des Geliebten auf ein Hufeisen mit einem wirksamen Talisman ein und hält es ins Feuer; sofort wird der Geliebte unruhig und eilt stehenden Fußes zu seiner Angebeteten. — Dort, wo Polygamie herrscht, wird eine neue Frau zumeist mit gemischten Gefühlen begrüßt. Um sie zu zwingen, bald wieder nach Hause zurückzukehren, wendet die bisherige Gattin folgenden Zauber an. Sie beschafft sich Erde vom Grabe eines ermordeten Mannes und einer Frau und streut sie im Hause aus, nachdem sie das Kapitel im Koran, das vom Jüngsten Tage handelt, gelesen hat. Dadurch soll Zwietracht zwischen dem Manne und seiner neuen Gattin gestiftet und erreicht werden, daß diese freiwillig in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt oder auch von jenem ausgewiesen wird. Ehefrauen, die gern Liebesabenteuern nachgehen möchten, mischen ihrem Manne in das Essen das getrocknete Gehirn eines Esels; dadurch wird er unfähig, ihre Schuld zu entdecken.
Kranke werden auf eigentümliche Weise geheilt. Die persische Medizin teilt alle Krankheiten in vier Klassen ein, in solche, die kalt und naß sind, in kalte und zugleich trockene, in heiße und dabei nasse, und in heiße und trockene. Als Heilmittel wird das entgegengesetzte Verfahren eingeschlagen, gegen Fieber zum Beispiel, das eine heiße Krankheit ist, wird das Fleisch von einem Hahn verordnet, denn Hahnenfleisch ist kalt, hingegen das vom Huhn heiß.
Phot. A. O’Brien.
Abb. 337. Eine andere Art zu reisen.
Frauen und Kinder sitzen in einem Kajawa, einem hölzernen Gestell, auf dem Rücken eines Kamels, das von einem Manne am Nasenring geführt wird.
Phot. R. C. Bolster.
Abb. 338. Reisende reiten auf einem Ochsen über das Geröll im Bett eines ausgetrockneten Bergstroms.
Nützen derartige Heilmittel dem Kranken nichts und steht sein Ende bevor, dann legt man ihn mit dem Gesicht nach Mekka hingewendet nieder und liest ihm das Yasinkapitel aus dem Koran vor. Darauf wird er veranlaßt, sein Testament in Gegenwart von Zeugen zu machen. Ist dies geschehen, dann zerbricht man das Siegel des Sterbenden und legt es unter seine rechte Hand. Auch bereitet man das Totenkleid vor und bedeckt es mit Gebeten, die von einundvierzig Männern niedergeschrieben sind und besagen: „O Allah, in Wahrheit wissen wir nichts als Gutes über diesen Mann; du aber kennst sein Verhalten besser.“ Nach Beendigung des Todeskampfes schließt man dem Verschiedenen die Augen, streckt ihm die Glieder, bindet ihm die Zehen der beiden Füße zusammen und schlingt eine Schärpe um den Kopf. Dann wird der Tote auf einer Bahre auf dem Hofe umhergetragen und zur Waschstätte gebracht; voraus gehen die „Totenprediger“, die auch das traurige Ereignis vorher bekanntgegeben haben. Nachdem die Waschung vollzogen worden ist, wird die Leiche in ein Leichentuch gehüllt, wobei ihr zwei grüne Weidenstöcke unter die Achselhöhlen gelegt werden, und auf der Bahre unter Begleitung von Verwandten und Freunden zum Friedhof getragen; ein Mullah sagt auf dem Wege dorthin das Al Raham-Kapitel aus dem Koran ([Abb. 335]). Auf dem Friedhof wird der Tote noch dreimal von der Bahre genommen und wieder hingelegt, beim vierten Male aber mit dem Kopf voran ins Grab gesenkt. Er kommt auf die rechte Seite zu liegen, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet. Das Grab wird nun zugemauert; es bleibt aber über dem Toten noch so viel Raum, daß er sich aufrecht setzen kann, um das gefürchtete Verhör der beiden Engel Munkir und Nakir zu bestehen. Wenn die Erde endlich aufgeschüttet ist, machen alle Anwesenden mit den Fingern Zeichen darüber, wobei sie das Anfangskapitel des Korans hersagen. Man glaubt nun, daß die beiden genannten Engel den Toten besuchen und ihn verhören. Fällt seine Antwort befriedigend aus, dann gehen sie wieder fort; ist das Ergebnis des Verhörs aber nicht zufriedenstellend, dann schlagen sie beide die Leiche mit ihren feurigen Keulen zu Staub, worauf diese ihre frühere Gestalt wieder annimmt. Die Geister derer, die bestanden haben, werden an den „Wohnort des Friedens“ in der Nähe von Najaf geleitet, um dort den Jüngsten Tag abzuwarten, während die Geister derjenigen, die für unwürdig befunden wurden, nach Sahra-i-Barahut in der Nähe von Babylon gebracht werden, um sich dort den Strafen und der Läuterung zu unterziehen bis zu demselben, für sie so furchtbaren Tag.