Abb. 29. Japanischer Schauspieler in der Tracht eines Samurai.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 30. Tempelfest in Japan,
das einem Karneval gleichkommt. Der ganze Bezirk geht aus, um den Umzug des Gotteswagens zu feiern. Frauen und Töchter der Kaufleute sind prächtig in altertümlichem Stil gekleidet und beteiligen sich an der Prozession.
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GRÖSSERES BILD
Schon frühzeitig werden die japanischen Kinder in die Volksschule gebracht; der hier ihnen erteilte Unterricht erstreckt sich auf einen mindestens vierjährigen Kursus im Lesen, Rechnen (Rechenmaschine, [Abb. 42]), Satzlehre, Turnen und Sittenlehre. Besonderer Wert wird darauf gelegt, daß die Kleinen in die japanische Sittenlehre eingeführt werden, die in der Pflicht unbedingten Gehorsams gegen die Eltern gipfelt. Jeden Morgen haben die Kinder ihre Eltern in ehrfurchtvollster Weise zu begrüßen, indem sie vor ihnen ernst und würdig in knieender Stellung ihren Oberkörper und Kopf verbeugen und sich dabei mit ausgestreckten Händen auf die darunter liegende Matte stützen ([Abb. 11]). Außerdem haben sie ihren Eltern nach jeder Richtung hin bei ihren Arbeiten hilfreiche Hand zu leisten, so die Knaben im Geschäft, Rechnen und Schreiben, die Mädchen im Haushalte. Außerdem wird den Kindern frühzeitig eingeschärft, sich bei allen Seelenerregungen möglichst zu beherrschen, also äußerlich jedes Gefühl von Freude oder Schmerz zu unterdrücken. Zur Kräftigung ihres Körpers und zur Erlangung großer Geschmeidigkeit werden sie bereits sehr frühzeitig zu allerhand Leibesübungen herangezogen ([Abb. 43]). Der zweite Grundsatz der japanischen Morallehre bezweckt die Pflege der Treue gegen den Kaiser, der schon bei Lebzeiten göttliche Verehrung genießt, und gegen das Reich, wie überhaupt gegen jedweden Vorgesetzten. Diese unbedingte Gehorsamspflicht gegen höher Stehende führt zu merkwürdigen Konsequenzen. Die eine davon ist, daß die Tochter verarmter Leute zur öffentlichen Dirne wird, um durch das dabei verdiente Geld ihre Eltern vor der Schande vollständigen materiellen Unterganges zu bewahren. Die andere Folge äußert sich in der unbedingten Unterordnung des Mädchens unter den Willen seiner Eltern bei der Wahl des Gatten.
Phot. Yei Ozaki.