GRÖSSERES BILD

Strohpuppentanz in Japan; linker Teil

Strohpuppentanz in Japan; rechter Teil

Phot. K. Satamoto.

Abb. 28. Onotänzer in reich gestickter Kleidung.

Das Puppenfest scheint aus einem alten shintoistischen Reinigungsfeste, das am 3. März, am Liomi, dem ersten Tage des Schlangenmonats, stattfand, hervorgegangen zu sein. Seine Bedeutung bestand darin, daß die Familienmitglieder sich an das Flußufer begaben, sich mit einem Stückchen Papier, dem der Priester durch Ausschneiden die rohe Form einer menschlichen Figur gegeben hatte, den Körper abrieben und damit ihre Sünden auf diese übertrugen; die Knaben warfen ihre Papierpuppen in den Fluß, die Mädchen aber bewahrten sie auf. Letztere scheinen späterhin eine plastische Form angenommen und sich zu den sogenannten „Himmelssöhnen“ entwickelt zu haben, das sind Puppen, die nach altem Volksglauben alles Unglück, das einer Frau während ihres Lebens, besonders auch in ihrer Ehe, zustoßen könnte, freiwillig auf sich nehmen. Ursprünglich stellten die beiden obersten Puppen überhaupt nur ein Ehepaar vor, um dadurch den jungen, in Abgeschlossenheit lebenden jungen Mädchen den Begriff der Ehe und Familie bildlich vor Augen zu führen, später aber erblickte man in diesen beiden das Kaiserpaar und pflanzte dadurch in das junge Mädchenherz frühzeitig die Liebe zum Herrscherhause ein.

Das Fest der Knaben wird am fünften Tage des fünften Monats gefeiert. Zu diesem Zeitpunkte sieht man neben jedem Hause, in dem ein Knabe im Laufe des vergangenen Jahres das Licht der Welt erblickte, eine mächtige Bambusstange, die mit vergoldeten Bällen und bunten Wimpeln geschmückt ist und an ihrem äußersten Ende einen oder mehrere mächtige Papier- oder Baumwollkarpfen ([Abb. 39]), die in Schwarz, Scharlachrot und Gelb recht realistisch angemalt sind, trägt. Wenn der Wind in die durch einen Ring offengehaltenen Mäuler dieser hohlen Fische hineinfährt, bläst er das Tier mächtig auf und setzt es in drehende Bewegung. Da an dem Knabenfeste Tausende und aber Tausende von bunten Karpfen über der Stadt flattern, so gleicht sie sozusagen einem Riesenaquarium. Daß man gerade dieses Tier als Festzeichen auswählte, hängt mit der volkstümlichen Auffassung des Karpfen als Symbol der Energie, des Mutes und der Standhaftigkeit zusammen. Man will damit andeuten, daß der Knabe in derselben Weise den Strom der Leidenschaften überwinden möge, wie der Karpfen imstande ist, nicht nur gegen den Strom zu schwimmen, sondern auch Wasserfälle zu überspringen, dank seiner großen Energie. Das Innere der Häuser wird mit Flaggen, auf denen sich die Helden der Götterlehre und der Geschichte dargestellt finden, sowie mit anderweitigen Bannern, Feldzeichen, Miniaturspeeren und Lanzen geschmückt, um dadurch in den Knaben bereits frühzeitig kriegerischen Sinn und Liebe zum Vaterlande zu erwecken. Auch die Knaben laden sich gegenseitig zu diesem ihrem Ehrentage ein und bewirten sich mit Leckerbissen. Außerdem flechten sie sich aus Kalmus Schwerter, mit denen sie in fröhlichem Spiel auf die Erde schlagen und dabei „zurück! du Teufelsauge“ ausrufen. Kalmus- und ebenso Beifußblätter gelten nämlich als Schutzmittel gegen allerhand schädliche Tiere und werden daher bei dem Knabenfeste auch in Bündeln am Vordache der Häuser aufgehängt.