Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 370. Russische Pilger an der Abrahamseiche zu Hebron.
Unter diesem Baum, einem der ältesten des Landes, soll der Patriarch gewohnt haben. Die Stätte wird daher von einheimischen und fremden Pilgern viel besucht.
Abergläubische Vorstellungen beherrschen die Bevölkerung Syriens und Palästinas in weitem Umfange. In der Wildnis im Süden und Osten Vorderasiens glaubt das Volk unbedingt an das Vorhandensein böser Geister (Jans genannt), die nach seiner Ansicht in der Unterwelt leben sollen. Ebenso behauptet es, daß manche Menschen die Macht besitzen, anderen ein Leid zuzufügen, wenn sie sie ansehen. Die Furcht vor dem bösen Blick ist allgemein verbreitet, besonders für Kinder und Vieh, die ihn nicht abwehren können, fürchtet man in dieser Hinsicht. Zahlreich sind die Abwehrmittel ([Abb. 379]), die hiergegen in Vorschlag gebracht werden. Zum Schutze gegen den bösen Blick pflegt man am Halse von Kindern ([Abb. 382]) und Haustieren, auch an der Mähne oder dem Schwanz der letzteren, blaue Perlen oder Amulette (Dreiecke aus Kupfer oder einem anderen Metall, an denen Papierschnitzel mit arabischen Beschwörungsformeln befestigt sind) anzubringen. Als sicheres Mittel gilt auch, ein Stück Zeug von der Person, die von dem verderblichen Element heimgesucht ist, unter dem Opfer zu verbrennen; der Rauch beseitigt dann den bösen Einfluß. Die Christen nehmen ein Stück von den Palmzweigen, die am Palmsonntag verwendet wurden, tun es mit einer Prise Salz oder Alaun in einer Pfanne aufs Feuer und gehen dann siebenmal herum; sobald sie einen knisternden Ton vernehmen, sind sie von ihrem Bann erlöst. Um Gärten und Reben gegen den bösen Blick zu schützen, hängt man auf dem Lande Schädel von Kühen, Pferden oder Kamelen an der Umfriedigung oder auf einer hohen Stange auf. — Bestimmte Tage und Stunden gelten für unheilbringend, weswegen dann keine Arbeit vorgenommen werden darf, so der Dienstag und die Stunden vor Sonnenuntergang. An bestimmte Ereignisse oder Tage knüpfen sich auch wieder allerlei abergläubische Vorstellungen; so wälzt man sich beim ersten Donnerschlag im Jahre auf der Erde, um keine Flöhe zu bekommen. Das Brot wird besonders heilig gehalten; man darf es nie mit senkrecht stehender Klinge durchschneiden, sondern nur mit wagrecht liegender. Glückbringende Amulette werden von Menschen und Haustieren getragen, ebenso an Häusern und Gärten angebracht. So findet man vielfach an jüdischen Häusern die „Hand der Allmacht“ angemalt, oft in solcher Größe, daß sie die ganze Front bedeckt; meistens allerdings nur eine rohe Wiedergabe der fünf Finger, etwa ein Meter lang, in Wasserfarbe. Der jüdische Trauring hat die Form einer Hand, und kleine Glashände werden von der ärmeren Bevölkerung vielfach getragen, ebenfalls um Glück zu bringen. Am Türpfosten der jüdischen Häuser befindet sich die M’zuza-Rolle angebracht, ein kleines Pergament in einer Metall- oder Holzhülse, auf dem in hebräischer Sprache einige Stellen aus dem Gesetz sowie das Wort Schaddai (Allmächtiger) geschrieben stehen, das in einem Loch in der Hülle sichtbar sein muß; so oft der gläubige Jude seine Wohnung betritt oder verläßt, küßt oder berührt er dieses Wort. — Den Schlangen wird große Macht zum Guten oder Bösen zugeschrieben; daher wird ein Bauer es wohl nie wagen, eine Schlange zu töten oder auch nur zu stören, in der festen Überzeugung, daß das ganze Geschlecht der getöteten oder verwundeten Schlange den Mörder und seinen Anhang unbarmherzig verfolgen würde, um Rache zu nehmen.
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 371. Palmsonntagfeier zu Jerusalem.
Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
Abb. 372. Altäre in der heiligen Grabeskirche,