die letzten Stationen des Leidensganges des Heilands für Pilger der römischen und griechischen Kirche.

Das Bestreben jeder strenggläubigen Moslemitin sowie jeder Jüdin ist darauf gerichtet, ihrem Manne recht viele, womöglich männliche Kinder zu schenken. Ist ihr solches Glück versagt und leidet sie infolgedessen unter Vernachlässigung von seiten ihres Gatten sowie unter der Verspottung ihrer Nachbarn, die unter höhnischem Lachen mit dem Finger auf sie zeigen, dann sucht sie diesem Übelstande mit allen Mitteln abzuhelfen. Sie sucht die verschiedensten heiligen Stätten (Schreine) auf und nimmt die Hilfe weiser Frauen oder heiliger Männer in Anspruch. Der bedeutendste Schrein ist der Neby Daud, das heißt der „Prophet“ David, womit das angebliche Grabmal Davids gemeint ist, ein moslemitischer Schrein, der von einer größeren Anzahl Menschen alljährlich aufgesucht wird. Jede Frau glaubt, daß der „Prophet“ David sich für alle diejenigen verwenden wird, die sich Kinder wünschen, sofern sie ein Gelübde ablegen. Zum Zeichen dessen trägt sie meistens ein Stück Zeug, und das Gelübde erfüllt sie durch das Opfer eines Lammes, das ein heiliger Mann schlachtet; das Fleisch des Tieres wird darauf unter die Armen verteilt. Sind alle Bemühungen, Mutter zu werden, vergeblich gewesen, so tut die Mohammedanerin ihr letztes und trägt eine schwarze Schlange drei Tage lang auf bloßer Haut; dann ist sie fest überzeugt, daß sie nicht mehr lange auf die Mutterschaft zu warten braucht. — Die Geburt eines Kindes bildet in jedem Dorfe ein wichtiges Ereignis. Verspürt die islamitische Frau, daß ihre schwere Stunde naht, so verläßt der Gatte seine Wohnung, nachdem er einen Freund gebeten hat, dort zu bleiben und ihm die Nachricht von der erfolgten Entbindung zu überbringen. Ist ein Knabe zur Welt gekommen, so läuft dieser Freund in größter Eile zum Vater, schwenkt von weitem schon freudig seine Arme und ruft ihm so laut er nur kann zu: „Bschara, Bschara“, das heißt „gute Nachricht, gute Nachricht“. Der neugebackene Vater macht sich spornstreichs auf den Weg nach Hause, um dem Kinde einen Namen zu geben. Dieses wird nach der Geburt sofort ganz und gar mit Salz eingerieben, mit Olivenöl bestrichen und sodann in Windeln gewickelt. Erst nach sieben Tagen wird es ausgebündelt, noch einmal mit Öl gewaschen, mit Salz eingerieben und dann wieder eingehüllt. Dieses Verfahren wird vierzig Tage lang fortgesetzt. Dann wird das Kind (Knabe wie Mädchen) in die Kleidung der Erwachsenen gesteckt. Der Vater gibt seinen Freunden, von denen man erwartet, daß sie sich mit Geschenken einfinden werden, ein Fest. Es schenkt auch jeder, seinen Mitteln entsprechend, einen gewissen Betrag, angeblich zum Besten des Kindes, aber in Wirklichkeit für die eigenen Zwecke des einsammelnden Vaters. Vielfach, meistens bei den Bauern, werden Geschenke auch in Gestalt von Naturalien (Schafe, Ziegen, Getreide, Linsen und dergleichen) verabreicht.

Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.

Abb. 373. Der armenische Patriarch in vollem Staate auf dem Totenbett.

Bei der Geburt eines Mädchens ist die Freude bei weitem nicht so groß. Der Bote kommt nur langsam zum Vater, der von weitem schon den Inhalt der Botschaft ahnt, und teilt ihm diese schonend mit. Er weist zwar gleichzeitig tröstend darauf hin, daß der Vater später einmal von der Tochter auch einen Vorteil haben wird. Denn vorläufig hat ein Mädchen für ihn keinen Wert; erst wenn es älter wird und heiratet, steigt es in den Augen des Vaters. Dieser interessiert sich dann für die äußere Erscheinung der Tochter und schätzt ihren Wert ein; er genießt fortan auch bei dem Händler, von dem er seine Nahrungsmittel bezieht, Kredit. Hat er drei Töchter, so kann er dies dem Besitze von etwa achthundert bis zweitausend Mark gleich achten, je nach dem Alter und den Reizen derselben. Gleichwohl werden die Mädchen niemals mitgezählt, wenn man von der Zahl der Familienmitglieder spricht. — Manchmal wird bei der Geburt eines Kindes auch ein Lamm als Geschenk dargebracht, um Achtung und Ergebenheit zu bekunden. Dieser Brauch wird indessen nicht als eine religiöse Zeremonie angesehen, wenngleich sich meistens daran ein Festgelage anschließt und vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes damit verknüpft ist. Oft wird diese Gelegenheit dazu benutzt, um Frieden zu schließen, das Geschenk bedeutet dann ein Versöhnungszeichen zwischen zwei Nachbarn oder Bekannten, deren gute Beziehungen durch Fehde oder Blutvergießen getrübt gewesen waren. Oft entspricht das Darbringen von Geschenken auch lediglich eigennützigen Beweggründen: derjenige, der das Opfer „führt“, erwartet davon eine Belohnung, die dem Brauche gemäß in einem Kleidungsstück bestehen muß. — Auch bei der Rückkehr eines teuren Verwandten wird noch heute wie in früheren Zeiten aus Freude ein Tier geschlachtet ([Abb. 383]).

Phot. G. Robinson Lees.

Abb. 374. Der Eccehomobogen am Anfang des Leidensweges zu Jerusalem.


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