Sobald der älteste Sohn in einer Familie das heiratsfähige Alter erreicht hat, sieht sich sein Vater unter den Töchtern seiner Freunde nach einer passenden Lebensgefährtin um, und zwar bedient er sich hierzu eines Vermittlers. Dieser schlägt ihm dieses oder jenes junge Mädchen vor und veranlaßt, wenn eine Partei ihm geeignet erscheint, einen Mi-ai, das heißt eine „Sehbegegnung“ entweder im Hause der Eltern oder in einem Blumengarten, einem Restaurant oder im Theater. An einem solchen Orte, dessen Namen langes Leben, gutes Geschick und Glück versinnbildlicht, finden sich die jungen Leute in Begleitung ihrer Eltern zum ersten Stelldichein ein und lernen sich flüchtig kennen. Sind beide Parteien hiervon befriedigt, dann nehmen die weiteren Verhandlungen einen schnellen Verlauf. Der Vermittler hält jetzt in aller Form um die Hand des Mädchens an. Wird der Heirat zugestimmt, dann kommt es zum gegenseitigen Austausch von Geschenken, die bereits ebenso bindend sind, wie die Hochzeit. Der Bräutigam sendet seidene Kleider, einen Obi, Sake, getrockneten Fisch, Seetang, ein Weidenfaß und Flachsgarn, alles Gegenstände von guter Vorbedeutung; die Braut macht ihrem Bräutigam ebenfalls ein Geschenk; dabei ist es Vorschrift, daß die beiderseitigen Sendboten sich unterwegs treffen. Bevor die Hochzeit festgesetzt wird, wendet man sich noch an einen Wahrsager, damit er den günstigen Termin dazu auswähle.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 34. Deygutfrau,
die einen bronzenen Bullen an der Körperstelle streicht, an der sie selbst vom Rheumatismus geplagt wird, in dem Glauben, dadurch Heilung zu finden.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 35. Zurschaustellung der Kinder im Alter von einem Monat, drei und fünf Jahren im Tempel durch die Anverwandten, damit der Priester sie segne.
Die japanische Hochzeit ist, da es die erste Pflicht eines jeden Japaners ist, für einen männlichen Nachkommen zu sorgen, der die vorgeschriebene Ahnenverehrung vornehmen kann, keine persönliche Angelegenheit, sondern eine solche der Familie. Wirkliche Liebe spielt dabei selten mit. Bei der Hochzeit geht es sehr zeremoniell zu; je höher die Beteiligten im Range stehen, um so strenger sind die konventionellen Formen und um so großartiger die Zeremonien, die sie begleiten. Drei Tage vor der Hochzeit wird die Aussteuer der Braut in einem Zuge in ihr künftiges Heim getragen ([Abb. 41]). Die Sitte erfordert, daß die Braut außer den Gegenständen zu ihrem persönlichen Bedarf alles Notwendige mitbringt, um das Heim für sich und den Gatten auszustatten, nämlich Betten (baumwollene Schlafdecken mit Seide und Krepp bezogen), Kommoden zur Aufbewahrung ihrer Kleider, Küchengeräte, Schreibtische, Schränke, Kohlenpfannen, lackierte Tablette, Porzellan und Toilettengegenstände. Ist der Hochzeitstag erschienen, dann stellt sich zunächst die Friseurin ein, sie kämmt das rabenschwarze Haar der Braut zum letztenmal in der gleichen kunstvollen Weise, wie es die jungen Mädchen tragen und schmückt es mit Nadeln aus Bernstein, Schildpatt und Korallen, sowie mit einem kleinen Kamm aus Goldlack, der den ganzen Aufbau krönt. Die Braut kleidet sich darauf in eine wundervolle Hochzeitsrobe ([Abb. 46]) mit langen Ärmeln, die beinahe bis auf die Erde reichen, in altmodischen Häuslichkeiten legt sie noch eine Hochzeitskapuze an, um ihr Erröten zu verdecken ([Abb. 44]). Das Brautkleid ist ganz in Weiß gehalten — der Farbe der Trauer —, wodurch der Austritt des Mädchens aus der Familie beziehungsweise Sippe angedeutet werden soll —; dagegen ist die Unterkleidung hellrot. Ehe das Mädchen ihr altes Heim verläßt, verabschiedet sie sich in aller Form von ihren Eltern; in diesem Augenblick überreicht ihr der Vater der Sitte gemäß ein kurzes Schwert ([Abb. 45]), wodurch er stillschweigend andeuten will, daß sie nicht vergessen soll, es im Notfalle, wenn ihre Ehre auf dem Spiele steht, zu gebrauchen. Von ihren Eltern begleitet, begibt sich die Braut, meistens am Abend, entweder in einer Jinrikscha oder in einer Kutsche, je nach den Geldmitteln der Familie, in ihr zukünftiges Heim. Die Eltern und Verwandten des Bräutigams, alle in knisternde Seide gekleidet, empfangen sie hier am Tore, der Bräutigam erwartet sie in dem Zimmer, wo die Heiratszeremonie stattfinden soll. An dieser dürfen außer dem zu trauenden Paar nur die beiderseitigen Eltern, der Vermittler und seine Frau, sowie zwei Bedienstete teilnehmen. In der Mitte des Zimmers befindet sich der Shima dai, ein weißer Tisch mit drei Beinen, auf dem das Land ewiger Jugend und Glückes dargestellt ist. Unter Kieferbäumen steht das alte Paar Takasago, das wegen seiner ehelichen Treue berühmt geworden ist, ihnen zu Füßen spielen Schildkröten mit langen grünen Schwänzen, deren Lebensspanne zehntausend Jahre beträgt; in der Höhe schweben Kraniche, ebenfalls Sinnbilder langen Lebens und Gedeihens, über einem Nest mit Jungen in den Fichtenbäumen, in deren Schatten Bambus und Pflaumenbäume stehen. Nachdem sich Braut und Bräutigam einander gegenüber gesetzt haben, findet das zeremonielle Trinken des San-san-ku-do („drei-drei-neunmal“) Bechers Sake statt. Dabei werden keine Versprechungen gemacht, keine Gelübde abgelegt, die ganze Zeremonie spielt sich schweigend ab. Zwischen das Paar wird ein viereckiger Ständer aus Lackarbeit gestellt, auf dem übereinander drei verschieden große zierliche Lackschalen für Sake stehen. Der Vermittler reicht zunächst die oberste Schale, mit diesem Stoff gefüllt, dem Bräutigam ([Abb. 48]), der sie in drei Zügen austrinkt, hierauf reicht er sie, neu gefüllt, der Braut, die sie ebenfalls leert. Dasselbe geschieht mit der mittleren und der unteren Schale. Hiermit ist die Ehe geschlossen. Das neuvermählte Paar wird sodann seinen zahlreichen Verwandten vorgestellt, die sich in einem Nebenraum versammelt haben und das frohe Ereignis durch ein Essen feiern. Ein Gang dieses Schmauses pflegt in einer Suppe aus Venusmuscheln zu bestehen, da die Schalen dieser Muschel eine glückliche und unzertrennliche Verbindung versinnbildlichen sollen; denn wie eine Schale nur mit der entsprechenden Partnerin ein Ganzes bilden kann, in die ihr Schloß hineinpaßt, so sollen auch Mann und Frau in der Ehe einander ergänzen. Auch ein Kranich wird serviert, indessen seltener, denn dieses Gericht können sich nur Wohlhabende leisten. Beim Festessen, währenddessen sich die Braut mehrere Male umkleidet, erhebt sich einer der männlichen Teilnehmer, der in klassischer Musik bewandert ist, und singt mit erhobenem offenen Fächer eine Ode, die dem feierlichen Augenblick angemessen ist.
Eine religiöse Zeremonie fehlt bei einer rein japanischen Hochzeit. Das Gesetz verlangt nur, daß die beiderseitigen Eltern die eingegangene Ehe eintragen lassen, und daß der Name der Frau aus dem Familienregister ihres Vaters gestrichen und in das ihres Gatten übergeschrieben wird, denn ohne solche Eintragung ist die Ehe ungültig. Neuerdings kommt auch die sogenannte Shintotrauung in Mode, die eine Nachahmung unserer kirchlichen Trauung ist. Zu dieser versammelt sich die Hochzeitsgesellschaft im Tempel der Sonnengöttin in Tokyo, der „drei-drei-neunmal“ Becher mit Sake wird in Gegenwart weiß gekleideter Priester getrunken, die Gebete an die Sonnengöttin sowie an Izanagi und Izanami (die schöpferischen Gottheiten) richten.