Die Vorliebe für Schmuck ist bei beiden Geschlechtern sehr verbreitet, und die Art, wie man sich ausputzt, sehr mannigfaltig ([Abb. 393], [395] und [396]). Die Männer legen großen Wert auf einen mächtigen Kopfputz in Gestalt bunter Federn oder Felle, desgleichen auf einen Körperbehang aus Fellen ([Abb. 393] und [395]), während die Weiber mehr Neigung für Perlenschmuck bekunden: dicke Schnüre beziehungsweise Wülste oder Behänge aus bunten aus Europa bezogenen Perlen, die in geschmackvollen Mustern angeordnet sind; an allen möglichen Körperstellen, von der Stirn herab bis zu den Füßen, wird solcher Schmuck angebracht ([Abb. 397] und [398]). Bei beiden Geschlechtern sind ferner eiserne oder kupferne Ringe um Arme und Beine sehr beliebt ([Abb. 399]). Eigenartig ist der Schmuck der Hererofrauen; sie tragen nämlich um die Unterschenkel eine Art Beinschienen aus Lederriemen mit aufgezogenen Eisenperlen. Große Sorgfalt verwenden die Frauen auf ihre Frisuren ([Abb. 400] und [401]); die Betschuanenfrauen reiben sich das Kopfhaar mit einer Mischung aus Fett und Glimmer ein, wodurch es ein schillerndes Aussehen erhält. Sehr verbreitet ist schließlich noch die Bemalung, die Tatauierung und das Anbringen von Narben; von sonstigen Verunstaltungen wäre das Durchbohren der Ohren, der Lippen sowie das Ausschlagen beziehungsweise Zuspitzen der Zähne und auch das Abschlagen des letzten Gliedes am kleinen Finger zu erwähnen.
Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
Abb. 402. Regendoktor der Zulu, der ein drohendes Hagelwetter aufhalten will.
Die religiösen Vorstellungen der Bantu beruhen ausschließlich auf dem Glauben an die Macht der Geister der Vorfahren, wie wir ihn bereits verschiedentlich bei anderen Naturvölkern kennen gelernt haben. Dieser Aberglaube beeinflußt alle Verhältnisse ihres Lebens, ihr ganzes Denken und Handeln von der Wiege bis zum Grabe. Ihre religiösen Übungen gehen demgemäß darauf aus, die Geister der Verstorbenen durch Opfer günstig zu stimmen. Die Vermittler zwischen Lebenden und Toten sind die Wahrsager, die eine fast unbegrenzte Macht besitzen und daher eine wichtige Rolle in allen Lebenslagen spielen. Diese Wahrsager bilden einen bestimmten Stand unter den Stämmen; sie sind gleichsam Staatsbeamte, die ihre Tätigkeit für das Wohl des Ganzen ausüben, insofern ihre Aufgabe darin besteht, die Verbrecher und Zauberer zu offenbaren, und erfreuen sich unter ihren Stammesgenossen ganz besonderer Achtung. Das Amt des Wahrsagens wird sowohl von Männern wie von Weibern ausgeübt. Auf eigene Hand kann es keiner übernehmen, wohl aber sich zu einem solchen melden oder in Vorschlag gebracht werden. Glauben die Angehörigen einer Person aus ihrem sonderbaren Verhalten (wie lebhaftem Träumen, Stimmenhören, Aufsuchen der Einsamkeit, Menschenscheu, Krämpfen, Zwiegesprächen mit Vögeln, launenhaftem Wesen, Nahrungsverweigerung und so weiter) entnehmen zu können, daß sie sich für einen Wahrsager eignen dürfte, so lassen sie den oder die Betreffende durch einen erfahrenen Wahrsager prüfen. „Hält dieser den Fall für aussichtsvoll, so verordnet er dem Lehrling eine Medizin zur Verstärkung aller der eben erwähnten und ähnlicher Erscheinungen. Hierauf setzt er ihm einen Federbusch auf das Haupt, und der Unterricht in der geheimen Wissenschaft beginnt. Unter der Kur, die hauptsächlich in Einreibungen und Einnahme von Medizinen besteht, verstärken sich die rätselhaften Symptome des Novizen immer mehr. Zuletzt springt dieser an Felswänden hinab, oder er wirft sich ins Wasser, oder er gefährdet auf andere Weise sein Leben, so daß seine Freunde ihn bewachen müssen, damit er nicht umkomme. Er beschwört nun Schlangen und windet sie um Hals und Brust. Magert bei alledem der Prüfling stark ab, so gilt dies als ein günstiges Zeichen für den Beruf; denn die Eingeborenen setzen nur wenig Vertrauen in einen fetten Wahrsager. Nach einiger Zeit erklärt der Novize, daß er die äußere Schale der Sünde abgestreift und sich zu einem Geiste entwickelt habe und daß die Geister der Vorfahren in dem ihnen eigenen pfeifenden Tone zu ihm sprächen. Zu seiner Beruhigung werden ihm nunmehr Zaubermittel um den Hals gehängt. Der Appetit kehrt wieder, die Träume werden ruhiger. Er gibt vor, im Schlafe hellzusehen, und befaßt sich mit dem Finden verlorener Sachen, so daß sein Lehrmeister es für an der Zeit hält, ihn vollständig in die Geheimnisse der Kunst einzuweihen.“ Ehe nun der angehende Wahrsager öffentlich anerkannt wird, muß er eine Probe ablegen. Fällt diese zu seinen Gunsten aus, dann wird er von den Ältesten des Stammes unter Zustimmung des Häuptlings gewählt. — In der Hauptsache scheint es sich bei den Wahrsagern um neuropathische oder hysterische Individuen zu handeln, denen indessen eine gewisse Gerissenheit nicht abgeht. Denn wenn ihre Kuren keinen Erfolg haben, dann entschuldigen sie sich damit, daß die betreffende Krankheit nicht zu ihrem besonderen Fach gehöre, und werfen den Angehörigen sogar vor, daß sie keinen anderen Doktor geholt haben.
Die Wahrsager pflegen als Abzeichen ihrer Würde mit einem Stück Ziegenhaut auf den Schultern ([Abb. 403]), das in zwei breiten Streifen über die Brust herabhängt, oder als Ersatz dafür mit dicken Schnüren oder Bändern aus Gras, Perlen, Sehnen und so weiter bekleidet zu sein; auf dem Kopf tragen sie eine oder mehrere Gallenblasen einer Ziege, wenn möglich von solchen Tieren, die für einen von ihnen erfolgreich durchgeführten Fall geschlachtet wurden — je größer ihre Anzahl ist, um so höher steht der Ruf des Wahrsagers —, und hängen zahlreiche Tierschwänze an ihren Gürtel; auch Schlangen tragen sie als Schmuck. Die weiblichen Künstler bemalen sich Gesicht, Brust, Arme und Beine mit weißer Farbe. Ist der Wahrsager zugleich Medizinmann, so trägt er um den Hals ein Band aus Bockshörnern, in deren Höhlung er seine Heilmittel aufbewahrt.
Die bei der Ausübung seines Handwerks zur Anwendung kommenden Methoden sind verschiedene. Zumeist werden Knochen oder Stöcke verwendet. Handelt es sich darum, festzustellen, ob eine verdächtige Person eines Verbrechens schuldig ist, so gibt der Wahrsager ihr eine Anzahl kleiner Knochen in die Hand; er selbst nimmt auch welche zu sich. Beide werfen sie sodann auf den Boden. Je nachdem die Knochen nebeneinander, gegeneinander, übereinander oder sonstwie fallen, gibt der Wahrsager sein Urteil ab. Handelt es sich darum, zu erfahren, wo ein ausfindig zu machender Zauberer wohnt oder wo verloren gegangene Sachen liegen und ähnliches mehr, so erschließt der Wahrsager die Antwort aus der Richtung, in der die Knochen zu liegen kommen. Wo Stöcke zum Wahrsagen benutzt werden, schleudert der Wahrsager sie hastig auf den Boden; bleiben sie flach am Boden liegen, so bedeutet dies für ihn Verneinung der Frage, springen sie aber auf den vermeinten Übeltäter zu, dann lautet die Antwort bejahend. Angeblich wird dem Wahrsager dieses alles von den Geistern im Schlafe offenbart. In Wirklichkeit aber weiß er auf ganz geschickte und scharfsinnige Weise unter Zuhilfenahme zahlreicher Auskunftsquellen bereits vorher auszukundschaften, wer in Frage kommen könnte oder wo sich ein vermißter Gegenstand befindet. Seine Hilfe wird bei allen möglichen Dingen angerufen, sei es, daß es sich darum handelt, ausfindig zu machen, wer ein Verbrechen begangen hat, wo ein gestohlener Gegenstand versteckt liegt, wo ein entlaufenes Stück Vieh sich aufhält, wo der Sitz eines Leidens bei einem Kranken ist, wer ihm die Krankheit angezaubert hat, oder daß die Witterung beeinflußt, also Regen herbeigezaubert, die Dürre gebannt, Blitz und Donner beschworen werden soll ([Abb. 402]), oder schließlich, daß man darauf ausgeht, anderen Schaden zuzufügen, zum Beispiel jemand Zaubermittel auf den Weg zu streuen, um ihm dadurch, wenn er diesen überschreitet, Verderben zu bringen und dergleichen. Wird ein Wahrsager zur Heilung einer Krankheit um Hilfe angerufen, so erscheint er mit einem Dutzend Medizinen bewaffnet (Säften aus Kräutern, Wurzeln, Rinde oder aus Galle, Haut, Knochen wilder Tiere, gestampften Kuheingeweiden, pulverisierten Affenzähnen und so weiter), um damit eine oft tagelang dauernde Kur an dem Leidenden vorzunehmen. Nach vielem Hokuspokus bringt der Wahrsager schließlich im günstigen Augenblick den Erreger der Krankheit, meistens eine Eidechse, die er vorher zu sich gesteckt hatte, zum Vorschein. Wenn die Geister der Vorfahren an der Entstehung des Leidens schuld sind, dann muß ihnen ein Opfer dargebracht werden, und wenn böse Leute es dem Betreffenden angezaubert haben, dann erfolgt eine Ausriechung des Schuldigen durch den Wahrsager (siehe die [farbige Kunstbeilage]). In beiden Fällen geht der Zeremonie ein allgemeiner Tanz voraus, von dem sich niemand ausschließt, weil er durch sein Fernbleiben vielleicht Verdacht erregen könnte. Der Lärm der Trommeln und Pauken wird immer lauter, und der Wahrsager gerät mehr und mehr in Verzückung und wirkliche Raserei; dadurch tritt er in Beziehung zu den Geistern. Bei dem nunmehr folgenden Opfer ist streng darauf zu achten, daß nicht das geringste Blut auf den Boden fällt; es wird sorgfältig in einer Opferschale gesammelt. Die Knochen und etwas vom Fett oder auch vom Mageninhalt werden den Vorfahren zu Ehren verbrannt, die sich an dem in die Lüfte steigenden Rauch begnügen müssen, während die Teilnehmer sich an dem übrigen Fleisch gütlich tun; natürlich erhält der Wahrsager und sein Anhang den Löwenanteil davon. Während der Rauch hochsteigt, fleht er die Geister um ihre Hilfe an. Soll ein Schuldiger ausfindig gemacht werden, so tritt der Wahrsager nach beendetem Tanz an eine jede Person heran und beriecht sie; glaubt er den Schuldigen gefunden zu haben, dann springt er über dessen Kopf hinweg oder zeigt auf ihn. Dadurch ist er „ausgerochen“ und der Strafe verfallen, die entweder in einer Geldbuße oder in Ausstoßung aus dem Stamm, in schweren Fällen auch im Tode besteht. Eine Beteuerung der Unschuld nützt nichts, höchstens kann der als schuldig Bezeichnete noch an das Urteil eines höheren Zauberers appellieren, der, falls er genügend Geld dafür erhalten hat, ihn freispricht.
Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
Abb. 403. Kaffrische Wahrsagerin