Phot. G. Grandidier.

Abb. 408. Häuser der Antanosy.

Im Vordergrunde sind Frauen beschäftigt, in einem Steinmörser Reis zu stampfen; hinter ihnen ein Kornspeicher, den man auf Pfähle gesetzt hat, um den Ratten den Zugang zu erschweren.

Madagaskar.

Die Bevölkerung der Südafrika im Osten vorgelagerten Insel Madagaskar setzt sich aus verschiedenfarbigen Völkerelementen zusammen, deren Grundbestandteile ein interessantes Rassenproblem abgeben. In der Hauptsache scheinen es zwei Rassen gewesen zu sein, die zu ihrer Zusammensetzung beigetragen haben; die reinsten Vertreter der einen sind die Hova, die der anderen die Sakalaven; die Mischungsprodukte zwischen beiden sind die übrigen überaus zahlreichen Stämme, die die Franzosen unter dem Sammelnamen der Madagassen zusammenfassen.

Die Hova, ursprünglich ein kleiner Stamm, der das Hochland von Imerina in Besitz nahm, haben es vermöge ihrer hohen Intelligenz und guten Beanlagung verstanden, bis die Franzosen sich zu Herren der Insel aufwarfen, die Führung über die übrigen Stämme zu behaupten; sie bilden auch jetzt noch die Oberschicht. Wie ihr Äußeres, ihre Geschichte, Sprache und ethnologischen Verhältnisse deutlich verraten, sind die Hova malaio-polynesischen Ursprungs und wanderten vor etwa achthundert bis tausend Jahren, mutmaßlich von den Großen Sundainseln her, ein; bekanntlich sind ja diese Völker in der Schiffahrt von jeher gut bewandert gewesen. Ihr Typus ähnelt in der Tat dem der Javanen; kleiner Wuchs, olivgelbe Hautfarbe, üppiges straffes oder leicht gelocktes schwarzes Haar, rundlicher Kopf, kleine, öfter schiefstehende Augen, flaches Gesicht, vorstehende Backenknochen, vorstehende gerade Nase und etwas dicke Lippen sind seine hauptsächlichen Kennzeichen. Weniger rein schon erscheint dieser malaiische Typus bei den südlich von den Hova wohnenden Betsileo. Die Hova bildeten früher einen Feudalstaat und zerfielen in drei Klassen: die Adligen (Andriana), die Freien (eigentlichen Hova) und die Sklaven (Andevo). — Das gerade Gegenteil der Hova sind die Sakalaven, ein Volk von tiefdunkler Hautfarbe und negerartigem Aussehen (wolligem Haar, länglichem Schädel, vorspringendem Gesicht und so weiter). Es liegt bei der Nähe Südafrikas die Vermutung nahe, daß sie von dort hergekommen sein mögen, aber ein derartiger Ursprung der Sakalaven wird aus gewichtigen Gründen — vor allem sind die Bantu durchaus keine Seefahrer — von zuständigen Kennern der Verhältnisse in Abrede gestellt. Es mag ja möglich sein, daß an der Zusammensetzung der dunklen Völker Madagaskars auch Bantuneger sich beteiligt haben, aber diese kamen nicht von selbst über die Meerenge von Mozambique, sondern wurden von den Arabern als Sklaven eingeführt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß es sich bei den Sakalaven um Reste einer Urbevölkerung handelt, die zur afrikanischen Grundrasse gehörte, also den Negritos verwandt gewesen sein wird. Südafrika, Madagaskar, Südindien, die Sundainseln und so weiter bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes Festland, das von eben dieser Rasse bewohnt gewesen sein muß; erst später hat dieses Festland seine heutige Gliederung erfahren.

Phot. G. Grandidier.

Abb. 409. Haus der Betsimasaraka aus Bambus mit Strohdach.