Phot. W. D. Marcuse.

Abb. 423. Sakalavenfrau in Trauerkleidung,

die man an dem aufgelösten Kopfhaar und am weißen Stoff der im übrigen schmutzigen Kleidung erkennt. Während der Trauerzeit müssen die Trauernden auf alle Vergnügungen verzichten.

Wenn der Hochzeitstag festgesetzt ist, wozu auch wieder der Astrologe angehört wurde, begeben sich die Leute, die die Braut holen sollen, ebenfalls in ungerader Zahl, im Zuge nach dem Heim ihrer Eltern, wo sich die Anverwandten und Gäste bereits eingefunden haben und ein Festmahl hergerichtet ist. Dann wird vor Zeugen der Ehevertrag vereinbart, der alle erdenklichen Möglichkeiten berücksichtigt, zum Beispiel, daß der Ehemann diesen oder jenen Fehler begehen, die Frau ihre Freiheit wiedererlangen oder Witwe werden, die Eltern bei ihrem Tode Schulden hinterlassen sollten und anderes mehr. Nachdem von den Vertretern des Bräutigams die ausbedungenen Geschenke überbracht worden sind und man Gegengeschenke überreicht hat, gilt die Ehe für geschlossen. Man begrüßt die Neuvermählten mit den Worten: „Möge euer ferneres Leben ein glückliches sein!“ Hieran schließt sich ein großes Mahl an, bei dem der Hausherr die Gäste unermüdlich auffordert, tüchtig den Speisen zuzusprechen. Handelt es sich um ein Hochzeitsmahl eines vornehmen Hova, dann wird das Fleisch nicht in gewöhnlichen Töpfen gebraten, sondern nach der Sitte der Vorfahren in Blätter eingewickelt in Erdlöchern, die mit glühenden Steinen ausgelegt sind, geröstet. Bei diesem Mahle essen die jungen Eheleute das einzige Mal in ihrem Leben mit einfachen schwarzen Hornlöffeln aus demselben Napfe oder nach dem Brauch ihrer Vorfahren auf einem Bananenblatte Reissuppe, Honig und gerösteten Fisch oder ein Stück Fleisch. Nach Beendigung desselben spricht der Hausvater noch einen Glück- und Segenswunsch über sie aus, worauf sie im Zuge, für gewöhnlich in einem Tragsessel, unter Gesang und Jubel nach dem Hause des Bräutigams sich begeben. In dem Augenblick, wo die junge Frau das Haus verläßt, setzt sich ihre Großmutter mit gekreuzten Beinen vor dem Hauspfeiler nieder und verharrt ohne sich zu rühren so lange, bis sie annimmt, daß das junge Paar in seinem neuen Heim angelangt ist, oder wenigstens bis es ihren Blicken entschwunden ist, um, wie man sagt, dadurch die Beständigkeit in dem neuen Haushalt zu sichern. Bei der Ankunft geht der Zug dreimal um die kleine Umfriedigungsmauer herum, ebenso um das Haus und schließlich um den Herd. Diese Zeremonie soll die jungen Leute an die neue Wohnung fesseln und verhindern, daß sie sie verlassen. Sodann wird noch einmal in der bereits geschilderten Weise ein Mahl eingenommen. Bei diesem werden die Neuvermählten zum Zeichen ihres zukünftigen festen Zusammenlebens noch in einen großen Lamba aus Seide eingewickelt, dessen Enden man zusammenknotet; der junge Mann muß diesen Knoten dann lösen, womit er andeuten will, daß ihm das Recht zusteht, auch den Ehebund zu lösen. Dies ist der Schluß der Festlichkeit. — Bei der ärmeren Bevölkerung Madagaskars gestaltet sich die Hochzeitszeremonie viel einfacher, weist auch einige Verschiedenheiten von der soeben geschilderten auf. So wurde die junge Frau beim Verlassen des elterlichen Hauses in früheren Zeiten angespien oder mit dem Blut des Opfertieres besprengt, um sie zu segnen; jetzt nimmt man dazu Wasser. Bei den Hirtenstämmen setzt sich die Braut bei ihrer Hochzeit bescheiden in einen Winkel der Hütte und erwartet sehnsüchtig, daß der Bräutigam ihr den einen für diesen Zweck besonders zubereiteten Schenkel eines Huhnes darbiete. Wenn sie diesen und der Bräutigam den anderen verzehrt hat, gilt die Ehe für geschlossen.

Neben dieser richtigen Ehe kennen die Madagassen noch eine Zeitehe; dieselbe ist bei den Betsimasaraka, den Sakalaven und anderen Stämmen üblich. Hierbei wird eine bestimmte Zeit von etwa ein bis drei Jahren mit den Eltern der Braut vereinbart; nach Ablauf dieses Zeitraums hat letztere das Recht, von ihrem Manne fortzugehen. Will sie die Ehe verlängern, dann bedarf dies wieder derselben Förmlichkeiten wie das erste Mal. Wird inzwischen aber ein Kind geboren, dann ist der Ehemann verpflichtet, die übliche Vodiondry zu geben, und die Ehe gilt fortan als für die Dauer geschlossen. — Früher, und verschiedentlich auch noch bis in die neueste Zeit hinein, nahmen Madagassen, deren Mittel es erlaubten, sich mehrere Frauen, selbst bis zu fünfzig und mehr. — Obwohl die Ehe bei den Madagassen eigentlich eine rein äußerliche Einrichtung ist, kommt es hin und wieder doch vor, daß tiefergehende, edlere Neigungen die jungen Leute zusammenführen. Liebestränke, Talismane, Zauberformeln, um sich die Schöne geneigt zu machen oder um andererseits einen kühlen Ehemann wieder zu fesseln, sind sehr verbreitet.

Phot. James Sibree.

Abb. 424. Gedenkstein für einen verstorbenen Betsileo.

Die Säule ist aus Stein gearbeitet, das Gitterwerk an ihrem oberen Ende, auf das die Schädel und Hörner der bei der Leichenfeier dargebrachten Ochsen gesteckt werden, besteht aus Holz.

Keuschheit ist unter den Madagassen, wie schon gesagt, eine seltene Tugend; dasselbe gilt von der ehelichen Treue. Denn es gibt in Wirklichkeit wenige Ehen, die dauernd sind. Nur bei einigen Stämmen gilt Ehebruch für eine schändliche Handlung. Die Antimorona verlangen, wenn sie von einer Reise zurückgekehrt sind, von ihren Frauen, daß sie in Gegenwart der Eltern und Freunde einen Eid ablegen, während der Abwesenheit der Männer die eheliche Treue bewahrt zu haben, und daß sie sich zur Erhärtung der Wahrheit einem Gottesurteil unterwerfen. Sie müssen nämlich durch einen Fluß schwimmen, in dem Krokodile hausen: kommen sie unversehrt hindurch, dann sind sie frei von Schuld; jetzt erst begrüßt sie der Ehemann und überreicht ihnen die mitgebrachten Geschenke.