Phot. A. C. Hollis.
Abb. 425. Ein Wandorobbomann bei der Morgenandacht
spuckt gegen die aufgehende Sonne aus. Das Schwert hat er dabei zur Seite gestellt. — Die Wandorobbo stehen in dem Rufe, den Regen dadurch bannen zu können, daß sie ihr Schwert gegen den Himmel zücken.
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GRÖSSERES BILD
Kunstverlag Karl Vincenti.
Abb. 426. Suahelimädchen.
Die Madagassen halten den Tod nur dann für natürlich, wenn er infolge hohen Alters eintritt. In allen anderen Fällen schreiben sie den Verlust des Lebens Zaubereien zu. Um nicht Gefahr zu laufen, daß ein Zauberer Gegenstände von ihnen zu fassen bekomme und sie zu bösen Zwecken verwende, achten sie sehr darauf, daß sie nie abgeschnittene Haare oder Nägel oder sonst etwas von sich umherliegen lassen. Die Sakalavenkönige gingen in dieser ihrer Furcht sogar so weit, daß sie sich immer von einem Diener begleiten ließen, dessen alleinige Obliegenheit es war, die Erde aufzusammeln, auf die sie gespien hatten. — Neben der Zauberei als Krankheitsursache kennen die Madagassen aber noch eine Entstehung von Krankheit durch Besessensein von einem Teufel oder bösen Geiste (Bilo genannt). Hiergegen nehmen sie eine Art Austreibung vor ([Abb. 418] u. [421]). Der Kranke wird aus dem Dorfe nach einem freien Platz gebracht, auf dem eine kleine Plattform besonders hergerichtet wurde. Ihr zu Füßen haben auf der einen Seite alle Leute aus der Nachbarschaft Aufstellung genommen, auf der anderen stehen die Herden des Kranken oder seiner Familie. Bei der Ankunft des Leidenden erhebt sich Tanz und Gesang; besonders aber wird dem Rum zugesprochen, von dem auch der Kranke eine große Menge zu sich nehmen muß. Sodann führt man ihn mitten unter das Vieh; mit einem Stabe weist er auf zwei Tiere hin, von denen das eine sofort geopfert und von den Teilnehmern verzehrt wird, das andere gleichsam als Sündenbock von den Eltern des Patienten heilig gehalten und mit der größten Sorgfalt behandelt wird. Dann klettert der Kranke auf einer recht primitiven Hühnerstiege auf die Plattform, ein bei seinem Zustand manchmal recht gefährliches Unternehmen. Gelangt er ohne sonderliche Hilfe oben an, dann beweist dies, daß Gott ihm wohlwill und ihm Genesung geben wird; wenn nicht, gibt man von vornherein alle Hoffnung auf. Sobald er auf der die Plattform bedeckenden Matte sich niedergelegt hat, wartet ihm eine Frau, die in den letzten vierundzwanzig Stunden keusch gelebt haben muß, mit Speise, die sie für ihn besonders zubereitet hat, in erster Linie mit dem Fleisch des geopferten Ochsen, auf; ißt er davon oder tut er wenigstens so, dann erblickt man darin ein sicheres Anzeichen für baldige Genesung und ein langes Leben. Sodann beginnt von neuem ein mächtiger Lärm, Gesang und Geschrei. Der Kranke verbleibt oft viele Stunden auf seinem erhabenen Posten, während die anderen sich in Rum betrinken und sich an dem Fleisch des geschlachteten Tieres gütlich tun. Zuletzt wird er unter großem Gepränge in seine Hütte zurückgebracht, wo er in der Mehrzahl der Fälle dann doch stirbt. — Die Sakalaven reiben das Gesicht des Kranken mit Maniokpulver und gelbem Ocker ein ([Abb. 419]).
Die Begräbniszeremonien der Madagassen sind nicht überall dieselben. Manche Stämme legen ihre Begräbnisplätze tief im Walde, unter Felsen verborgen, oder in öden Gegenden an, also an Stellen, die dem menschlichen Auge und der menschlichen Berührung fern bleiben; andere wiederum begraben ihre Angehörigen am Wege oder auch mitten in ihrer Hütte. Die ersteren, die eine solche Scheu vor den Friedhöfen haben, sind vorwiegend die Küstenstämme, dem Ursprung nach zumeist Araber; die zweite Gruppe, die gern den letzten Aufenthaltsort vor Augen hat, der ihrer harrt, bilden die Zentralstämme, besonders die Merina und die Betsileo; man erkennt in dieser Sitte ganz deutlich den großen Einfluß der malaiischen Kultur. Stirbt ein Madagasse, besonders ein Merina, fern von seiner Heimat, dann geht sein letzter Wunsch dahin, daß seine Angehörigen möglichst bald seine Gebeine abholen, um sie in heimatlicher Erde, meistens in einer Familiengruft, beizusetzen. Ist die Leiche eines Verwandten nicht aufzufinden, dann pflegt die Familie sein Kopfkissen und seine Ruhematte statt seiner zu beerdigen oder zu seinem Andenken am Wege oder in der Nähe des Dorfes ein Grabmal zu errichten, das in einer Tafel oder einem Pfosten besteht ([Abb. 422] und [424]).