Die Ansichten der ostafrikanischen Völker über das moralische Leben der jungen Leute sind sehr geteilt; während man auf der einen Seite die Jungfräulichkeit hoch einschätzt und einen vorehelichen Geschlechtsgenuß mißbilligt, legt man auf der anderen wieder auf Reinheit vor der Ehe kein weiteres Gewicht. Zur letzten Gruppe gehören unter anderen die Masai. Hier haben sich die jungen Krieger ([Abb. 473]) eines Bezirkes zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die einen bestimmten Kral bewohnt; die Verheirateten leben in einem besonderen Kral ([Abb. 469]). Ein Kriegerkral beherbergt etwa fünfzig bis hundert junge Leute und fast die doppelte Anzahl junger Mädchen, die, abgesehen von den notwendigen Hausarbeiten, wie im besonderen dem Melken des Viehs, in erster Linie zur Unterhaltung jener dienen. Jeder Krieger besitzt ein Lieblingsmädchen, das beständig bei ihm wohnt und, solange er sich im Kral aufhält, ihm auch Treue halten soll. Wenn er aber abwesend ist, sucht sich das junge Mädchen einen anderen Liebhaber. Diesem ihrem Wunsche gibt sie beim Tanz dadurch Ausdruck, daß sie am Schluß desselben auf einen ihr gefallenden Krieger in kurzen Hochsprüngen zueilt. Damit will sie andeuten, daß sie ihn abends zum Schäferstündchen erwartet. Hüpft er in gleicher Weise in die Höhe, dann liegt darin eine zusagende Antwort.

Phot. A. C. Hollis.

Abb. 460. Schön geschnitztes Elfenbeinhorn

aus der Stadt Siu im Lamuarchipel (Küste Sansibars), einem Hauptsitz arabischer Kultur.

Als Grund, warum die jungen Männer die Mädchen nicht heiraten, geben sie an, daß sie im Fall eines Krieges leichteren Herzens auszögen, wenn sie nicht gebunden seien durch die Sorge um Weib und Kind. In Friedenszeiten vergnügen sich die Krieger durch Gelage, Spiel und Tanz.

Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.

Abb. 461. Bakuliatöpferinnen bei der Arbeit.