Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 501. Junges Volk in Marokko.
Die Frauenkleidung gleicht im großen und ganzen der der Männer. Auf dem Lande gehen die Frauen im Sommer so gut wie nackt, nur mit einem Schurz bekleidet, Knaben überhaupt vollständig nackt. Die Städterinnen legen weite Hosen, eine lange Unterjacke (Yelek), einen Gürtel und eine Jacke und beim Ausgang darüber noch ein langes, weites, schwarzseidenes Oberkleid (Tôb) an. Das Haar tragen die Frauen in unzählige kleine Zöpfchen geflochten, in die sie mit schwarzer Seide noch Münzen binden. Auf dem Kopfe tragen sie eine Art Turban mit einer Verzierung aus Gold oder vergoldetem Metall, Kûrs genannt, und darüber einen schwarzen oder weißen Schleier, der das ganze Gesicht bedeckt und nur die Augen freiläßt. Typisch ist ferner noch ein eigenartiges Schmuckstück zwischen den Augen, eine kleine Walze aus Gold oder Messing, um die zwei Rillen herumlaufen. Die Fellachinnen begnügen sich mit einem Kopfschleier, mit dem sie auch ihr Gesicht bedecken können. Schmuck um Hals, Arme, Finger und an den Ohren ist sehr beliebt. Die Männer tragen keine Ohrringe, obwohl ihnen als Kindern die Ohrläppchen durchstochen werden; nur die Stutzer in Oberägypten hängen sich oft einen schweren einzelnen Ring in das eine Ohr.
Die Nahrung der Ägypter ist eine recht bescheidene, man kann fast sagen, erbärmliche, was größtenteils auf den vielen Fasten beruht, die einen ziemlichen Teil des Jahres in Anspruch nehmen. Sie leben meistens von Brot oder Fladen aus Weizen- und Hirsemehl, gerösteten Getreidekörnern, Früchten, Erbsen, Bohnen, Linsen, Eiern, Milch, Käse und Fischen; als Leckerbissen kommen gelegentlich Geflügel, Hammel-, Ziegen- und Büffelfleisch auf den Tisch. Den Kopten ist der Genuß von Schweine- wie auch von Kamelfleisch verboten. Zur Zeit der Fasten besteht die tägliche Nahrung nur aus Erbsen, Bohnen und Fischen. Wein rühren die Mohammedaner nicht an, obwohl davon sehr viel für die unter ihnen lebenden Griechen und Italiener, die ohne ihn nicht leben können, eingeführt wird.
Die Fellachen leben meistens auf dem Lande und treiben Ackerbau, dabei wenden sie noch ganz dieselben ursprünglichen Bearbeitungsweisen an wie ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren. So dreschen sie noch heutigestags das Getreide mit Hilfe eines Dreschschlittens aus und bewässern ihre Ländereien mit dem Schöpfrade. Sie wohnen in elenden Hütten, die aus Nilschlamm errichtet sind.
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 502. Typen junger Berberinnen.
Von allen Mohammedanern können die Ägypter für die duldsamsten gelten; auch nehmen sie ihre Glaubensvorschriften verhältnismäßig leicht. So führen sie selten eine Wallfahrt nach Mekka aus, beobachten nicht immer so streng ihre Fasten und sind saumseliger in der Ausführung sonstiger religiöser Gebräuche; doch verrichten sie für gewöhnlich wohl ihre Zwangsgebete mit den üblichen Fasten und Kniebeugungen ([Abb. 500]) und enthalten sich des Weingenusses. Ganz frei von Fanatismus sind sie aber nicht. Dies kommt unter der Landbevölkerung manchmal gelegentlich der Zikrs zum Ausdruck; es sind dies eine Art Erbauungspredigten, die oft eine Zugabe zu einem Feste vorstellen, stets jedoch im Anschluß an die Dorfvergnügungen gelegentlich des „Großen Bairamfestes“ und anderer wichtiger Feste abgehalten werden. Die Teilnehmer eines Zikrs versammeln sich gewöhnlich bei einer Moschee oder dem Grabe eines Heiligen und setzen sich in zwei Reihen einander gegenüber; meistens sind es streng religiös gesinnte Männer, das weniger gläubige Publikum sieht zu und spendet seinen Beifall. Man beginnt im Sitzen den Namen Allah zu rufen, anfänglich langsam, und dieses Wort mit leichtem Kopfnicken zu begleiten. Bald werden die Worte hastiger ausgesprochen und dementsprechend auch die Bewegungen des Kopfes verstärkt. Hierauf stehen beide Reihen unter sichtlicher Anstrengung auf und stoßen den Oberkörper vorwärts und rückwärts; verschiedene andere Bezeichnungen der Gottheit treten jetzt an Stelle des Namens Allah, und man sieht den Gesichtern deutlich ihre Verzückung an. Schließlich dreht sich der ganze Körper wie im Wirbel; der Schweiß perlt von den Gesichtern der Anbeter, die nur noch ein heiseres, atemberaubendes „Hu, Hu, Hu!“ (Er, das heißt der Eine Gott) ausstoßen können. Befinden sich Epileptiker in der Gesellschaft, die für besonders heilig gelten — und an solchen fehlt es wohl nie — dann bekommen sie ihren Anfall und sinken um; auch die übrigen Teilnehmer fallen erschöpft zur Erde. Die Sekte der Derwische in Kairo führt ähnliche Tänze mit Verzückungen auf. Viele Fellachen, besonders die Sakkah oder Wasserträger, gehören zu dieser Sekte, sie unterscheiden sich aber von der übrigen Landbevölkerung äußerlich nicht. Dagegen tragen die Derwische in Kairo, wo sie in Klöstern zusammenwohnen, eine hohe weiße Kopfbedeckung, die sie als solche kennzeichnet. Die niederen Mitglieder des Derwischordens sind ganz ungebildete Leute, die meistens zerlumpt im Lande umherziehen und sich den Lebensunterhalt zusammenbetteln; sie leisten aber nichts auf dem Gebiete der guten Werke. Dagegen sind die Derwische, die höhere Stellen im Orden einnehmen, oft sehr begabte Menschen, die sich für ihre Person von den Verzückungen der übrigen fernhalten, wenn sie sie auch nicht gerade mißbilligen.