Wenngleich diese religiöse Spaltung naturgemäß manche Unterschiede in den Gebräuchen, besonders in den Festen und Fasten, zur Folge gehabt hat, so sind diese doch keineswegs so groß, wie man annehmen könnte, nicht einmal in religiösen Dingen. So kommt es vor, daß ein alter Moslem zur Jungfrau Maria betet und den christlichen Heiligen bei gewissen Gelegenheiten und an bestimmten Orten Opfergaben darbringt, und die Mosleme sowohl Christus wie auch seine Mutter verehrt.

Nach einem Gemälde von R. Ernst.

Abb. 499. Am Tage vor einer mohammedanischen Hochzeit.

Auch in ihrer Kleidung gleichen sich Christen und Mohammedaner Ägyptens. Die oberen Klassen tragen meistens europäische Kleidung, mit Ausnahme des mohammedanischen Fes und des christlichen Tarbusch. Der junge Mann aus dem unteren und dem Mittelstande in den Städten trägt über seiner Landestracht einen kurzen Rock nach europäischem Schnitt an Stelle des feinen schwarzen Gewandes, das der reiche Fellache auf dem Lande sich umhängt. — Die nationale Tracht besteht in weiten Beinkleidern, einem weichen Hemd, einer kurzen Weste ohne Ärmel und einer langen, bis zu den Knöcheln reichenden Jacke aus gestreiftem baumwollenem oder seidenem Stoff, die vorn offen ist und lange Ärmel aufweist. Sie wird meistens durch einen Gürtel über den Hüften geschlossen gehalten. Zur Winterszeit gehört zur Kleidung noch ein großer schwarzer Mantel aus Tuch oder Seide, der alles umhüllt. Nur in ihrer Kopfbedeckung unterscheiden sich die beiden Religionen: der Mohammedaner trägt einen türkischen Fes mit kurzer, schwarzer Troddel, der Kopte einen Tarbusch aus weicherem Stoff und von dunklerer Farbe mit langer, blauer Troddel. Fes und Tarbusch werden beständig getragen und gelten als Abzeichen männlicher Würde; es einem vom Kopfe zu schlagen, kommt der schwersten Beleidigung gleich. Keine Kopfbedeckung zu besitzen, ist das Zeichen schrecklicher Armut und in dieser Beziehung etwa dem Barfußgehen unter Europäern gleichbedeutend.

Phot. Em. Frechon, Biskra.

Abb. 500. Mohammedaner beim Abendgebet.


GRÖSSERES BILD

Alle Ägypter der oberen Klassen tragen das Haar ganz kurz geschnitten. Die Fellachen rasieren sich den Kopf für gewöhnlich kahl und lassen nur auf dem Wirbel ein langes Büschel stehen. Diese sonderbare Haartracht erklären sie selbst auf zweierlei Weise. Die einen meinen, daß man dieses Büschel stehen lasse, damit der Engel sie daran festhalten könne, wenn sie nach dem Tode von der Brücke al-Sirat, die ins Jenseits führe und an Schmalheit einer Messerklinge gleichkomme, herabfallen sollten; andere dagegen sagen, man wolle dadurch Vorsorge treffen, daß ein ungläubiger Feind, der ihren Kopf etwa abgehauen hätte und mit sich schleppte, ihn an diesem Haarbüschel ergreifen könne, nicht aber ihn mittels der Mundöffnung einhake und dadurch den Mund entweihe, der so oft Allah gepriesen und zeitlebens Gebete aus dem Koran gesprochen habe.