Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 511. Kabylenmädchen in charakteristischer Tracht.
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 512. Wohlhabende Nordafrikanerin mit reichem Schmuck.
Von einer Werbung des jungen Mannes um seine Frau ist in Ägypten nicht viel die Rede. Entweder seine Mutter bringt die Heirat zustande oder ein Vermittler von Beruf. Der Jüngling bekommt seine Auserwählte vorher niemals zu Gesicht (siehe die [farbige Kunstbeilage]), außer wenn es sich um gewöhnliche Fellachen handelt, die täglich zusammen arbeiten. Man vermählt sich sehr jung, Kinderhochzeiten aber sind unbekannt. Ist die Heirat ausgemachte Sache, dann findet sich der älteste männliche Verwandte der Braut ein, um die Brautsumme ins reine zu bringen. Nach Zahlung des festgesetzten Betrages wird der Ehevertrag unterschrieben oder, da er nicht immer schriftlich aufgesetzt wird, vor Zeugen wenigstens anerkannt, und zwar im Hause der Braut. Bei den Muselmanen setzen sich der männliche Vertreter der Braut und der Bräutigam auf die Erde und reichen sich die Hände, über die ein Fikih ein Taschentuch ausbreitet; dabei spricht er die vorgeschriebenen Verlöbnisworte, die ihm die beiden Männer nachsprechen. Darauf findet ein Fest statt. Während der nächsten acht bis zehn Tage sendet der Bräutigam der Braut täglich Geschenke; diese schickt ihm dafür die Möbel, die sie in die Ehe mitbringt, ins Haus. Der Bräutigam bewirtet jeden Abend Gäste bei sich. Die Braut sucht jetzt das öffentliche Bad auf; sie geht dabei unter einem Baldachin ([Abb. 499]), den ihre männlichen Verwandten tragen, und wird von Weibern begleitet, die schrille, zitternde Freudenlaute ausstoßen. Bei ihrer letztmaligen Anwesenheit im elterlichen Heim bewirtet sie Freunde und Verwandte und sammelt Geldbeträge von ihnen ein in einem Klumpen Hennah, in den die Eingeladenen Münzen stecken. Dieser letzte Abend, bei dem die Gäste außerdem noch durch bezahlte Sänger unterhalten werden, heißt deshalb Hennahabend. Am nächsten Abend zieht die Braut in feierlichem Zuge in das Haus des Bräutigams ein; die Straße, in der es liegt, hat man mit Lampions sowie mit roten und grünen Fähnchen geschmückt. In den Städten pflegt die Braut zu Fuß zu gehen oder auf einem Esel unter einem Baldachin zu reiten, auf dem Lande aber sitzt die Fellachenbraut, besonders wenn sie einer wohlhabenden Familie entstammt, auf einem stattlichen Kamel und hat einen prunkvollen, zeltähnlichen Baldachin über sich, der gewöhnlich von zwei sich kreuzenden Palmenzweigen getragen wird. Oft reiten auch noch zwei oder drei ihrer Freundinnen mit auf dem Tier. Selten wird eine Kamelsänfte benutzt. Hinter der Braut reiten Musikanten mit Pauken, ebenfalls auf Kamelen, und das ganze Dorf begleitet den Zug. Vor ihrem neuen Heim steigt die Braut ab, wird aber, ehe sie eintritt, noch in ein besonderes Zelt geführt, in dem sie mit ihren weiblichen Verwandten zu Abend speist. Inzwischen begibt sich der Bräutigam, von Fackelträgern und Musikanten begleitet, zur Moschee, um zu beten. Vor seiner Rückkehr hat die Braut ihr neues Heim bereits betreten, wo sie der Bräutigam zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht sieht. Flößt sie ihm sogleich Abscheu ein, dann kann er sich auf der Stelle wieder von ihr losmachen; er braucht nur die Formel der dreifachen Scheidung auszusprechen. Für gewöhnlich geht er aber nicht gleich so weit, sondern wartet einen geeigneteren Zeitpunkt ab. Der Koran gewährt nämlich dem Manne die weitgehendste Freiheit bei der Scheidung. — Von der Erlaubnis, sich vier Frauen und als Konkubinen Sklavinnen zu halten, ist man neuerdings sehr abgekommen; die meisten Muselmanen geben sich mit einer Frau zufrieden. Die Kopten kennen ihrer Religion entsprechend natürlich nur die Einehe. Ihre Hochzeitsfeierlichkeiten ähneln denen in anderen christlichen Ländern. In der Kirche findet eine Trauung statt, bei der der Braut eine Krone aufgesetzt wird. Man hält sodann eine Messe ab, und allen Teilnehmern wird das Abendmahl gereicht.
Nach einem Gemälde von H. Seppings Wright.
Kriegsspiel in Marokko (sogen. Fantasia).