Neben den Tanzmädchen gibt es auch Tanzknaben, die Khewalin; diese tragen gewöhnliche männliche Kleidung, lassen sich aber ihr Haar wie Mädchen lang wachsen und durchflechten es geradeso wie diese mit Münzen.
Die Ägypter, vor allem die Fellachen, sind sehr abergläubisch; sie schreiben den Zaubermitteln und Amuletten jeglicher Art große Macht zu. Daher trägt jeder Bauer ein derartiges Schutzmittel in einer kleinen Lederhülle auf dem bloßen Körper. Oft ist es nur ein Koranspruch, den ihm ein öffentlicher Schreiber aufgeschrieben hat, denn für gewöhnlich sind die Fellachen des Schreibens unkundig. Auch ist bei dem Fellachen der Glaube an Geister stark eingewurzelt, die er für bösartig hält. Besondere Scheu hat er vor den Gräbern der alten Ägypter; denn diese hält er für den Sitz der Teufel oder Afrîts. Dessenungeachtet hat er an vielen Orten, besonders in Theben, die alten Grabstätten in Wohnhäuser umgewandelt. Kein Fellache begibt sich an einem dunkeln Abend ins Freie, aus Furcht vor diesen mächtigen Teufeln, auch wird er sich hüten, einen modernen Begräbnisplatz zu überschreiten, obwohl alle, die hier ruhen, seine Mitgläubigen waren und man im Leben nichts gegen sie einzuwenden gehabt hatte.
Die Geburtsgebräuche der beiden Religionen in Ägypten unterscheiden sich nur durch den christlichen Taufritus. Die Geburt eines Knaben wird mit besonderer Freude aufgenommen; reiche Fellachenfamilien lassen sich dann Tänzer, sowohl Ghawazu wie Khewalin — die letzteren schicken sich mehr bei der Geburt eines männlichen Familienmitgliedes — aus der Stadt kommen. Am siebenten Tage wird das Kind den Freundinnen der Mutter in großem Staat vorgeführt, in einem Siebe geschüttelt und feierlich im Harem umhergetragen.
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 509. Kinder eines nomadisierenden Stammes vom Nordrande der Wüste.
Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
Abb. 510. Kabylenfrau (unverschleiert).
Der nächste wichtige Vorgang im Leben eines Ägypters, sei er Mohammedaner oder Christ, ist die Beschneidung. Dieselbe wird für gewöhnlich beim Alter von etwa sechs bis acht Jahren vorgenommen, unter Umständen auch später und selbst noch in den zwanziger Jahren. Dabei werden die Knaben stets aufgeputzt, und zwar in Weiberkleidung gesteckt, auch mit Weiberputz behängt; nur auf dem Kopfe tragen sie ein männliches Abzeichen, nämlich einen Turban. Am Vorabend, „der Nacht der Hennah“, versammeln sich die Frauen im Harem, kneten kleine Kerzen aus Teig und Hennahblättern, setzen sie auf einen Prunkteller und zünden sie an. Unter Gesang und Paukenschall ziehen sie mit dem Teller, dem der Knabe folgt, durch das ganze Haus und beschenken die Mutter. Für die Nacht legen sie sich und ebenso dem Beschneidungsanwärter ein Stück Hennahpflaster in die Handhöhlung, so daß diese am anderen Morgen eine rotbraune Färbung aufweist. Am nächsten Tage findet großer Umzug statt. Der Kandidat wird in seiner Weibertracht von einem Diener auf einem Pferde durch die Straßen geführt; dabei hält er sich beständig ein besticktes Tuch vor den Mund. Ihm voran schreiten ein Diener des die Handlung vornehmenden Barbiers und ein paar Musikanten; ersterer trägt ein Schild seines Herrn, einen hölzernen Halbzylinder mit vier kurzen Beinen, dessen Rückseite mit einem Vorhang und dessen Vorderseite mit Spiegelscheiben und Kupferbeschlag bedeckt ist. Dem jugendlichen Reiter schließen sich die Verwandten an. Zur Verringerung der Kosten verbindet man einen solchen Aufzug öfters mit einem Hochzeitszug; häufig pflegt man auch zwei Knaben auf ein Pferd zu setzen. Noch feierlicher und großartiger gestaltet sich die Sache in den gelehrten Familien und bei den Wohlhabenderen. Am Tage vorher begibt sich der Knabe unter Begleitung seiner festlich gekleideten Mitschüler und zahlreicher Angehöriger, Verwandter und Freunde in eine Moschee, um hier seine Gebete zu verrichten. Dann wird er in festlichem Zuge zum Elternhause zurückgeleitet. Die Schulkameraden, die teils aus silbernen Flaschen wohlriechende Wässer auf die Zuschauer sprengen, teils ein silbernes Weihrauchgefäß schwingen, singen religiöse Wechselgesänge; Diener teilen aus einer silbernen Kaffeekanne an bessergekleidete Spaziergänger Kaffee aus, die ihnen dafür einen halben Piaster zu geben pflegen; auch einige Lehrer nehmen an dem Festzuge teil und stimmen gleichfalls Lobgesänge auf den Propheten an. Ein Knabe im Zuge trägt die vom Lehrer verzierte Schreibtafel des Beschneidungsanwärters an einem Tuche um den Hals. Dieser ist, wie schon erwähnt, nach Weiberart gekleidet und hält sich ein besticktes Taschentuch vor den Mund. Ihm folgen Weiber unter lautem Freudengeschrei, von denen eine beständig Salz hinter ihm ausstreut, um ihn vor dem bösen Blick zu bewahren. Vor dem elterlichen Hause und auch noch drinnen im Harem werden die Wechselgesänge von Knaben und Frauen fortgesetzt. Währenddessen lassen die letzteren auf die Schreibtafel des Knaben ihre Geschenke fallen, die nachher von ihm feierlichst dem Lehrer überreicht werden. Hieran schließt sich ein Festmahl, für die Frauen oben im Frauengemach, für die Männer und Knaben unten. Erst dann findet die Beschneidung in einem besonderen Raume in Gegenwart von zwei männlichen Verwandten statt. Wohlhabende Eltern lassen zur Erhöhung der Festfreude Fecht- und andere Spiele veranstalten.