Einer der Tänzer hält sich für besessen von dem Bori oder Dschinn Mai-Aska, der als Barbier der Geisterstadt gilt. Er schickt sich an, die anderen zu rasieren.

Da die Araber Nordafrikas so tief im Aberglauben stecken, nimmt es nicht wunder, wenn man hört, daß Wahrsager und Kristallschauer sehr gesucht von ihnen sind. Gewahrsagt wird aus Mustern, die auf Sandhaufen gezeichnet werden, durch Zählen von Bohnen oder durch Schriftzeichen; auch das Weissagen aus den Eingeweiden der Opfertiere und andere derartige Verfahren sind noch gebräuchlich. Christen und Juden sind für den Araber Fremde, daher schreibt er ihnen auch böse Kräfte zu. Bekommt er am Morgen den einen oder den anderen als erste Person, die ihm begegnet, zu Gesicht, so legt er dieses Zusammentreffen als eine üble Vorbedeutung aus. Auch die schwarze Farbe gilt für eine solche; daher begegnet ein Araber ungern einem Neger, selbst einem solchen seines Glaubens, und noch weniger gern Amseln. Dagegen ist Weiß die Farbe der Freude und der guten Vorbedeutung; ein junges Mädchen, das Milch austrägt, gilt für ein erfreuliches Vorzeichen.

Um Regen herbeizuführen, der bei der unter den nordafrikanischen Himmelstrichen herrschenden Trockenheit meistens sehr erwünscht ist, werden ebenfalls allerlei geheimnisvolle Maßnahmen getroffen. Eine der interessantesten ist der Ghonja. Ist eine große Dürre eingetreten, dann kleidet man eine Wasserkelle wie eine Puppe (Ghonja) an und führt sie im Zuge durch die Straßen; die alten Weiber und die Kinder singen dabei: „Ghonja hat sein Haupt entblößt. Gib ihm zu trinken! O Herr, gib uns Regen!“ oder so ähnlich. Die Puppe und die mit ihr Hantierenden werden zuletzt mit Wasser begossen.

Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.

Abb. 519. Kabylenknabe im Alter der Beschneidung.

Um die Liebe des anderen Geschlechtes zu gewinnen, gibt es eine Unmenge Zaubermittel. Durch solche Hilfsmittel kann man auch Uneinigkeiten zwischen Verliebten stiften, wenn man ihre bevorstehende Hochzeit nicht gern sieht. Zu diesem Zwecke nimmt man Wasser, mit dem ein Toter gewaschen wurde, und schüttet es über das betreffende Mädchen. Daraufhin entstehen zwischen dem verlobten Paare Streitigkeiten, die eine Auflösung seines Verhältnisses zur wahrscheinlichen Folge haben. Glaubt eine Frau in Marokko, daß die Zuneigung ihres Gatten im Abnehmen begriffen sei, so läßt sie sich Honig von der Stirn bis zum Kinn über das Gesicht herablaufen und fängt ihn unten mit einem Löffel auf. Darauf sticht sie sich mittels eines Feigenblattes in die Zunge, mischt das daraus hervorquellende Blut mit sieben Salzkörnern und mengt es unter den Honig; weiter läßt sie Blut in den Löffel tropfen, das von der Stelle zwischen den Augenbrauen stammt, und fügt darauf noch weitere sieben Salzkörnchen hinzu. Das Ganze vermischt sie mit so viel Erde von ihren Fußspuren, wie erforderlich ist, um drei Silbermünzen zu bedecken, und tut alles zusammen in das Essen ihres Mannes, worauf bei diesem die im Erkalten begriffene Liebe wieder entfacht werden soll.

Da der Wunsch nach Kindern unter den Mohammedanerinnen ein recht reger ist und auf der anderen Seite die Frau, die ihrem Gatten keine solchen schenkt, der allgemeinen Verachtung preisgegeben ist, auch schwer einen zweiten Mann bekommen kann, so greift sie in ihrer Angst nach allerhand Amuletten und Zaubersprüchen, die ihr zur Erreichung ihres Zieles behilflich sein sollen. Wir haben diese verschiedenen magischen Zeichen und Gegenstände bereits kennen gelernt; für besonders wirksam werden solche Formeln, Zeichen und Figuren gehalten, wenn sie mit einem Myrtenzweig und einer Tinte aus Safran und Rosenwasser auf Gazellenhaut aufgetragen und dann in einem stählernen Behälter aufbewahrt werden. Auch werden von unfruchtbaren Frauen Pilgerfahrten nach heiligen Orten oder Schreinen unternommen, wo sie vielfach an einem besonderen Baum Zeugfetzen aufhängen.

Wenn eine schwangere Kabylin eine schwere Geburt bereits durchgemacht hat und eine solche von neuem befürchtet, trägt sie zur Erleichterung ihrer Niederkunft in den Falten ihres Haiks eine Mischung von Öl und Eichelasche mit sich herum oder bindet sich auf einen ihrer Oberschenkel einen Feuerstein auf; ebenso trägt sie wohl an ihrem rechten Oberschenkel ihren eigenen Haarkamm mit dem darauf geschriebenen Wunsche einer leichten Geburt.

Die Geburt eines Kindes wird auch in Nordafrika von den einheimischen Stämmen mit großer Freude und lautem Lärm begrüßt, besonders aber, wenn ein Sohn angekommen ist. Die Geburtshelferin meldet dies bei den Kabylen mit einem lauten „Yu, yu“ an, worauf sich alle Männer des Dorfes versammeln und Freudenschüsse abgeben. Die Großeltern beschenken das Neugeborene, festlich angetan, mit mancherlei Gaben und wünschen ihm Glück, und mit Stolz befestigt man auf der Stirn der Wöchnerin das Thabazimth, ein rundes, broschenähnliches Schmuckstück, zum Zeichen, daß sie der Familie einen Erben und dem Dorfe einen Verteidiger gegeben hat. Der glückliche Vater zahlt der Gemeinde eine Abgabe, oft verdoppelt er sie aus eigenem Antrieb. Um den bösen Blick oder die Dschinns zu bannen, werden Mutter und Kind mit Salz bestreut. Am siebenten Tage nach der Geburt pflegen sich die Bekannten einzufinden und das Kind zu beschenken. Dabei findet für gewöhnlich eine religiöse Festlichkeit statt.