Abb. 48. Szene aus einer modernen Hochzeit nach dem Shintoritus.

Neben dem Hausaltar mit den Gaben für die japanischen Götter der Fruchtbarkeit sitzt je ein weißgekleideter Priester; an den Wänden hängen Gohei, Papierstreifen, um das Unglück abzuwenden und die Anwesenden zu reinigen. Der Bräutigam erhält soeben geweihten Reiswein in eine dünne Porzellantasse gegossen.


GRÖSSERES BILD

Zu den vielen schönen und ergreifenden Eigenarten des japanischen Lebens gehört auch die Verehrung der Toten und die peinliche Sorgfalt, die auf die feierlichen Gebräuche der Anbetung und Erinnerung an die Seelen der Heimgegangenen im Hause verwendet wird.

Hat der Sterbende den letzten Hauch getan, dann versuchen die, welche ihm am nächsten standen, ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen, indem sie ihm seinen Namen ins Ohr schreien, denn sie glauben, die Seele könne es hören und noch einmal Rückkehr halten; besonders rührend ist, wenn zuerst das jüngste Kind die Mutter ruft, denn man erwartet, daß sie dieses am allermeisten liebe. Nützt dies nichts, dann befeuchtet man die Lippen des Toten mit Wasser, bedeckt sein Gesicht mit einem weißen Tuch und kehrt alles im Zimmer um. Auf einen niedern Tisch stellt man sodann die Tafel mit dem Namen des Verstorbenen, der ihm nach seinem Tode gegeben wird. Die Totentafel der Buddhisten ist kunstvoll gearbeitet und reich vergoldet; sie trägt als Namen eine langtönende Zusammenfassung vieler Tugenden; die Tafel der Shintoisten dagegen ist einfach, aus weißem Holz angefertigt und hat als Aufschrift nur den Lebensnamen des Verblichenen mit dem Zusatz „Mi-tama“, das ist Erhabener Geist. Vor dieser Tafel nun stellt man ein Weihrauchbecken mit einem dauernd brennenden Weihrauchstock, eine Tasse Wasser, ein ganz bescheidenes Licht — in einer irdenen Untertasse mit Rübsenöl brennt ein Docht —, weiter einen Behälter mit einigen Aniszweigen, ein paar Klöße aus weißen Bohnen auf einem Teller, eine Schüssel mit Reis, über den Bohnensuppe gegossen ist, und ein Speisestäbchen auf; in die Nähe der Leiche legt man öfters noch quer über die Kniee ein Schwert, um die bösen Geister abzuwenden.

Phot. Gebr. Haeckel.

Abb. 49. Bordellstraße im Yoshiwara.

In den Sarg gibt man dem Toten einen Bambusstab und einen Beutel mit buddhistischen Amuletten, Gebetssprüchen und einer Münze (für die Überfahrt) mit und bestreut das Ganze mit Weihrauchpulver und getrockneten Anisblättern. Stirbt ein Ehemann, so pflegt die Frau ihr Haar abzuschneiden und es ebenfalls in den Sarg zu legen; sie will damit bekunden, daß sie nie wieder heiraten wird; übereinstimmend mit diesem Entschlusse bestellt sie zu gleicher Zeit ihre eigene Totentafel, die mit der ihres verstorbenen Gatten gemeinsam auf dem Hausaltar und im Familientempel Aufstellung findet. Indessen beschränkt sich dieser Brauch nur auf die Ehefrauen der oberen Klassen, die dadurch fortan ihre Keuschheit anzeigen wollen.

In der Nacht vor einem Begräbnis ([Abb. 54] und [55]) halten die Hausangehörigen Wache, die Priester sagen dabei Gebete her. Auf die Nachricht von dem Tode machen die Freunde und Bekannten sofort ihren Beileidsbesuch; sie senden gleichzeitig oder bringen ein Geschenk in Form von Geld als Beitrag zu den Begräbniskosten mit, die in Japan ungewöhnlich hohe sind und auch nicht gespart werden, wenn es gilt, einen Toten zu ehren. Das Geld wird in weißes Papier gewickelt, mit der Bezeichnung „koden“ (Weihrauchgeld) versehen und mit einem schwarz und weißen Bande zugeschnürt. Die Familie macht zum Zeichen ihres Dankes innerhalb fünf Wochen nach dem Begräbnis ein Gegengeschenk in Form von Klößen aus grünen und weißen Bohnen, sowie von Blechdosen mit Tee. Auch sendet man Kuchen, und zwar merkwürdigerweise bei solchem traurigen Anlaß in gerader Zahl, hingegen bei freudigen Ereignissen in ungerader Zahl.