Viele Hindustämme sind mit der Zeit von den Zeremonien für ihre Ahnen mehr und mehr abgekommen, die ihre Vorväter aufs peinlichste auszuführen sich angelegen sein ließen. Nur die Brahmanen und gewisse andere Hindukasten feiern noch ein Jahresfest als Erinnerung an die Toten, das Srādh. Hierbei wird den Vorfahren dreier Generationen ein Reisball dargebracht und sodann den Krähen vorgeworfen. Fressen diese davon, dann wird dies als ein günstiges Vorzeichen aufgefaßt. — Die Dschungelnayadi Malabars stellen um einen Mangobaum Steine herum, die ihre verstorbenen Stammesmitglieder darstellen sollen; an sie richten sie in regelmäßigen Zeitabschnitten Gebete, auf daß ihre Geister sie vor den Verheerungen der wilden Tiere und besonders der Schlangen beschützen möchten. In ähnlicher Weise verehren die Yerrakolla Tottiyan des Tamilgebietes Steine als Vorfahren, die sich innerhalb ihrer Dorfgrenze in Kreisen aufgestellt finden; sobald jemand stirbt, wird ein Stein in die Asche des Toten gelegt und dann dem Ahnenkreise eingereiht. Die Vekkiliyan Tottiyan, bei denen die kürzlich Verstorbenen unter einem kuppelartigen Strohdach um eine geschnitzte Säule herum in Gestalt von Steinen verschiedener Größe verehrt werden, Māle genannt ([Abb. 167]), lassen bei ihren Festen eine Anzahl Stiere darauf los; das Tier, welches das Māle zuerst erreicht, wird geschmückt und in Ehren gehalten. — Die Coorg verehren ihre Vorfahren entweder ebenfalls in Gestalt von Steinen, die sie auf einem aufgeschütteten Hügel unter einem Baum aufstellen, oder auch von Figuren, die sie in Silberplatten einschlagen oder in Topfsteinscheiben einritzen, oder von Bronzebildnissen. Sie werden in einem kleinen Hause oder in einer Nische des Wohnhauses untergebracht. — Viele Kasten verbinden mit der Hochzeits- oder einer anderen Feier eine Versöhnung der Vorfahren. So bitten die Mādhvabrahmanen gelegentlich einer Hochzeit die Ahnen, die durch ein Männertuch und ein Mieder dargestellt werden, um ihren Segen für das Brautpaar. Um die Ahnen bei der gleichen Gelegenheit gutzustimmen, zeichnen die Telugu Puni Golla auf den Fußboden mit farbigen Pulvern ein Bild auf, das die Göttin Ganga, eine Lotusblume, eine Schlange und anderes mehr vorstellt ([Abb. 168]), und beten dieses in einer sehr sorgfältig durchgearbeiteten Zeremonie an. Im Laufe der Andacht wird ein Mann, der sich Glocken um die Beine gebunden hat, von dem Geiste eines Vorfahren besessen und verletzt sich mit einem Schwert. Dieses wird ihm entwunden und auf die Gestalt der Ganga gelegt. Zu guter Letzt wird auch noch der Bräutigam besessen; er wirft seinen Turban und sein Leibtuch fort und ergeht sich in wilden Bewegungen.

Phot. R. Thiele.

Abb. 169. Sannyasi Sadhu,

für gewöhnlich Fakire genannt, die dem Gotte Shiwa geweiht sind. Sie dürfen nie ihr Haar schneiden lassen, das daher in langen Zöpfen herabfällt; ihren Körper beschmieren sie mit Asche vom heiligen Feuer.

Nordindien.

Hindu und Mohammedaner.

Je weiter wir in Indien nach Norden vordringen, um so reiner treten uns die Hindu entgegen, reiner insofern, als sie in höherem Grade die charakteristischen Züge ihrer Vorfahren bewahrt haben, die im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus Europa über Iran in das Fünfströmeland einwanderten und sich von da aus über ganz Indien ausbreiteten. Je weiter nach Süden, um so stärker wurde ihre Mischung mit den bereits vor ihnen hier ansässigen Drawida und Ureinwohnern. Die äußere Erscheinung der Hindu ist eine ansprechende; besonders sind beim weiblichen Geschlecht wirkliche Schönheiten keine Seltenheit. Die Hindu sind im allgemeinen ein mittelgroßer, schlank gewachsener Menschenschlag von geschmeidigen, aber verhältnismäßig langen Gliedmaßen, samtweicher, glänzender, ziemlich lichter Hautfarbe, die vielleicht der des Südeuropäers entspricht, üppigem, glänzendschwarzem, welligem oder lockigem Haupthaar und verhältnismäßig reichlichem Bartwuchs. Ihr Kopf ist klein, lang und schmal; das schmale, hohe (ovale) Gesicht mit wohlentwickelter Stirn und anliegenden Jochbogen zeigt regelmäßige, feine Züge, eine ebenfalls schmale, fein geschnittene Nase mit hohem, häufig konvexem Rücken, horizontal stehende, große Augen ohne Mongolenfalte, einen mittelgroßen Mund und ein kleines, rundes Kinn. Die reinsten Vertreter dieses dem europäischen nahekommenden Typus finden sich in den oberen Kasten des Fünfströmelandes, von Kaschmir und Radschputan, im besonderen unter den Brahmanen. Je niedriger eine Kaste in der sozialen Stufenordnung der Hindu steht, um so dunkler ist ihre Hautfarbe. Das Bestreben der arischen Einwanderer, die Rasse rein zu erhalten, hat im Laufe der Zeiten dazu geführt, daß sie sich in kleine Gemeinschaften absonderten, die unter gleichen Lebensbedingungen miteinander lebten und nur untereinander heirateten. Ein jeder, der außerhalb des so geschaffenen Ringes stand, galt als ein Fremder; mit ihm hörte eine soziale Gemeinschaft, im besonderen eine Heirat, auf. Auf diese Weise entstanden besondere Gesellschaftsklassen, die sogenannten Kasten — das Sanskritwort für Kaste, „Warna“, bedeutet direkt Farbe — deren es heutzutage eine ungeheure Menge gibt (im Jahre 1901 sollen deren nicht weniger als zweitausenddreihundertachtundsiebzig gezählt worden sein), zumal sie sich wieder in kleinere Unterkasten gliedern, die aber wieder häufig genug soziale Unterschiede, wenn auch nur geringfügige, unter sich machen. So ist zum Beispiel die Kaste der Brahmanen unter diesem Namen über ganz Indien verbreitet, aber in Wirklichkeit zerfällt sie wieder in eine Menge differenzierter Abstufungen — die nördlichen sollen ihrer allein vierhundertneunundsechzig zählen — die hinsichtlich des geselligen Verkehrs vollständig voneinander getrennt leben. Für einen Brahmanen aus Kaschmir, der wohl den ursprünglichen arischen Typus noch am reinsten vertritt, würde ein solcher aus Madras, wenngleich er nominell derselben Kaste angehört, nicht als gleichgestellt gelten, ebensowenig ein Brahmane aus Bombay einen aus Bengalen als einen solchen anerkennen. Über den Verkehr der indischen Kasten herrschen strenge Gesetze. Wer sich dagegen vergeht, ja etwas von einem Angehörigen einer niederen Kaste auch nur berührt, gilt als unrein. Daß ein Mensch aus einer niederen Kaste in eine höhere übergeht, tritt wohl sehr selten ein, dagegen aber häufig der umgekehrte Fall, daß er in eine niedere verstoßen wird. Ein solches soziales System hat notgedrungen dazu geführt, daß bestimmte Kasten sich einem besonderen Handwerk zugewandt haben; daher decken sich vielfach Kaste und bestimmte Handwerke. Ursprünglich gab es in Indien nur vier große Kasten: die Brahmanen oder Priester, die Kshatriya oder Krieger, aus der die regierenden Fürsten hervorgingen, die Vaishya oder Ackerbauer und Kaufleute, und die Sudra oder Handwerker. Die letzteren wurden von den unterworfenen Eingeborenen gestellt. Diese Kasten unterschieden sich auch äußerlich in ihrer Tracht, die sich bis auf unsere Tage erhalten hat. Die Angehörigen der Brahmanenkaste tragen um den Hals ein Band aus locker mit der Hand gedrehten Baumwollfäden, die der Kshatriya ein solches aus Hanf, die Vaishya aus Schafwolle. Paria heißen die keiner Kaste Angehörigen, sowie die Ausgestoßenen.

Phot. N. Edwards, Littlehampton.