Phot. The S. P. G.
Abb. 178. Ein indischer Büßer zwischen fünf Agnifeuern.
Fromme Hindu setzen sich in den heißesten Monaten während dreier Stunden den Strahlen der Mittagsonne aus inmitten von fünf glühenden Feuern aus Kuhdung.
Das Sehnen und Streben jedes gläubigen Hindu geht darauf hinaus, wenigstens einmal im Leben eine Wallfahrt ([Abb. 182]) nach den heiligen Stätten (Tempeln oder Götterschreinen) zu unternehmen, um dort für das eigene Wohl und das der Vorfahren zu beten. Die religiösen Feierlichkeiten, deren es viele unter den Hindu gibt, weichen voneinander stark ab, aber ein bis zwei Feste können doch gleichsam als Nationalfeste gelten. Das eine von ihnen ist das Holifest ([Abb. 184]), das im Frühjahr unter starker Beteiligung aller unteren Volksschichten, auch Andersgläubiger, mit großem Lärm gefeiert wird. In der Hauptsache besteht es darin, daß unter vielen Gesängen und großer Freude die Holifeuer angezündet werden, wobei es ohne große Lustigkeit, meistens in schamloser und selbst roher Weise, nicht abgeht. Man pflegt sich gegenseitig mit rotem Safran zu bewerfen, durch das Feuer zu gehen oder darüber zu springen und anderes mehr. Das zweite der gemeinsamen Feste Nordindiens fällt in den Herbst; es ist das hübsche Diwali ([Abb. 185]) oder Lampenfest. Jeder muß dann sein Haus fein sauber machen und erleuchten, sowie draußen am Abend mindestens eine Lampe anzünden, damit, wenn die Geister der Verstorbenen kommen, um ihrem früheren Aufenthaltsorte einen Besuch abzustatten, sie alles nett und strahlend und zu ihrem Empfange vorbereitet finden. Hieran schließt sich in den Dörfern noch das Godhanfest an. Die Kuhhirten machen bei ihren Herren die Runde, tragen in halbbetrunkenem Zustande Lieder vor und erbetteln sich Geschenke, ganz wie es von unseren ländlichen Festen her bekannt ist.
Phot. R. Thiele.
Abb. 179. Ein Sikhpriester.
Vier Monate im Jahre besteht eine Art Fastenzeit, die den Schlaf eines Gottes, meistens des Wischnu, versinnbildlichen soll und von Juli bis Oktober dauert ([Abb. 186]). Während dieser Zeit muß man es vermeiden, Hochzeiten zu feiern, Dächer auszubessern, eine Bettstatt zu zimmern oder dergleichen, weil dies Unglück bringen würde. Wenn der Gott seine Ruhe antritt, wird allgemein gefastet, wenn er wieder erwacht, wird ein Freudenfest gefeiert; die ganze Bevölkerung auf dem Lande läßt dabei unter Festgelage und Tanz der Freudigkeit ihre Zügel schießen. Die öffentlichen Festlichkeiten, die mit dem Anfange und dem Ende dieser Fastenzeit verknüpft sind, führen in den verschiedensten Teilen Indiens ganz verschiedene Namen und schwanken je nach der Bedeutung, die man ihnen beilegt, in der Art und Weise wie sie gefeiert werden. In Oberindien nennt man sie im allgemeinen Dasahra, in Bengalen und im Osten der Halbinsel Durgapuja = Anbetung der Vernichtung, im Süden wieder Charakhpuja = Schwebekult, weil früher, wie bereits erwähnt (S. 108), die Festgenossen sich mittels eines Hakens, der in ihre Rückenmuskulatur eingriff, an einer Stange aufhängen und hin und her schwingen ließen. Dasahra bedeutet den „freisprechenden zehnten“ Tag, und zwar zweier bestimmter Monate (Juli und Oktober), an denen man die Sünden durch ein vorgeschriebenes Zeremoniell abwaschen kann. Das Fest im Juli spielt sich an einem einzigen Tage ab, gewöhnlich zu Ehren der Geburt der Ganga, das ist des zur Gottheit erhobenen großen priesterlichen Reinigers Ganges. Wer im Gangesflusse und in anderen heiligen Flüssen und Wasserflächen, die diesen Läuterer vorstellen, badet, wäscht sich von seiner Sünde rein. Das Fest im Oktober ist das Hauptdasahra und dauert zehn Tage oder vielmehr Nächte. Es findet seinen Abschluß in einem allgemeinen Feueropfer, sowie in dem Hineinwerfen der Bilder der Göttin in den nächsten Strom. Die letzte Nacht nimmt auf das Kriegswesen Bezug; sie wird daher als die „Nacht des Sieges“ besonders von Soldaten und Prinzen gefeiert: Kriegsmaterial und Kriegsgeräte werden angebetet und verehrt, sowie Festgelage und Spiele veranstaltet, die dem Andenken an die Schlachten dienen sollen, von denen uns die beiden bedeutenden indischen Heldenepen Ramayan und Mahabharata erzählen. Dramen, die auf diesen hindostanischen Heldenlegenden sich aufbauen und in langatmiger Folge alle ihre Einzelheiten wiedergeben, werden bei verschiedenen Gelegenheiten aufgeführt. Am beliebtesten ist bei allen das Ram-Li, das „Spiel des Ram“ ([Abb. 188]). Es stellt die Geschichte von Ram und Sita dar, ursprünglich eines Helden und einer Heldin des zuerst genannten Epos, die später in die Götterwelt versetzt wurden. — Ein ähnliches volkstümliches Schauspiel wird vielfach zu Ehren der alten Gottheit Krischna aufgeführt ([Abb. 190]).
Phot. Bourne & Shepherd.