Groß war nämlich der Schwestern Erstaunen, als plötzlich die Thür aufging und — Aschen-Trine eintrat, in ihrem alltäglichen mit Staub und Asche bedeckten Anzuge, den sie immer am Heerde trug. Zornig gaben die Schwestern Befehl, das schmutzige Ding hinauszuwerfen, aber noch ehe Jemand diesem Befehl nachkommen konnte, hatte Aschen-Trine schon ihren Fuß in den goldenen Schuh gesteckt, der ihr paßte wie angegossen. Und ehe die Zuschauer noch Zeit hatten, sich von ihrem Erstaunen zu erholen, begab sich etwas noch Seltsameres vor ihren Augen. Das Gemach erfüllte sich plötzlich mit dichtem Nebel, so daß man keinen Schritt weit vor sich sehen konnte. Aus dem Nebel schimmerte dann plötzlich etwas wie ein helles Feuer hervor, und aus diesem entwickelte sich die glänzende Gestalt der kleinen Zauberin; sie berührte mit dem Goldstäbchen Aschen-Trine, deren geringe Hülle mit Gedankenschnelle von ihr abfiel, so daß sie als die leuchtende Jungfrau da stand, welche an jenem ersten Festabend dem Königssohne als die lieblichste von allen erschienen war. Dieser stürzte nun jauchzend auf die schöne Jungfrau zu und umarmte sie mit den Worten: »Diese Jungfrau hat Gott mir zur Gefährtin geschaffen.«

Die kleine Zauberin, oder wer sie sein mochte, schenkte der Aschen-Trine eine so große Mitgift, daß man sie fuhrenweise in die Stadt bringen mußte, wo dann ein prächtiges Hochzeitsfest gefeiert wurde, welches einen vollen Monat dauerte. So war aus der verachteten Waise die Gemahlin eines Königssohnes geworden. Ihre Stiefschwestern wollten vor Neid bersten, daß die Aschen-Trine sich so hoch über sie erhoben hatte — Aschen-Trine, welche sie bis dahin schlimmer als den Hofhund gehalten hatten. Aber Aschen-Trinen's gutes Herz mochte ihnen nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern verzieh ihnen all' ihr Unrecht, ja sie that ihnen noch obendrein Gutes, als sie nach des Schwiegervaters Tode Königin geworden war.

Obwohl sie nun schon längst unter dem Rasen ruht, so lebt doch ihr Andenken noch ungeschwächt im Munde des Volkes, und sie wird gepriesen als die beste und auch als die schönste der Königinnen.


8. Reichlich vergoltene Wohlthat[25].

Brennende Sonnenhitze drohete einen Gewitterregen; rasch suchte deshalb ein junger Bauer die Schwaden auf der Wiese zusammenzunehmen, damit das trockene Heu noch vor Ausbruch des Regens bedeckt würde. Als er nach rasch abgethaner Arbeit sich auf den Heimweg machte, stieg am südlichen Himmel schon dunkles Gewölk auf und kam rasch näher. Der junge Mann beschleunigte seine Schritte, um noch vor dem Regen nach Hause zu kommen. Am Saume des Waldes gewahrte er einen fremden Mann, dessen Haupt an einen Baumstamm gelehnt war, in so tiefem Schlafe, daß der nahende Donner ihn nicht erweckte. Dies Männlein könnte heute ärger bethaut werden, als ihm lieb wäre, wenn ich es nicht wecke — dachte der Bauer und trat näher. »Höre Brüderchen!« rief er und schüttelte den Schlafenden an der Schulter. »Wenn du nicht einen Pelz wie eine Gänsehaut anhast, so spring' auf und suche Schutz vor dem Regen; ein schweres Gewitter ist im Anzuge.« Der fremde Mann sprang erschrocken auf die Füße und sagte: »Dank dir, tausend Dank, Bauersmann, für dein gut gemeintes Aufwecken!« Dann fühlte er hastig in seinen Taschen herum, als suchte er nach Geld, um es als Belohnung anzubieten. Da er aber in den leeren Taschen nichts fand, wandte er sich halb beschämt wieder zum Bauer und sagte: »Zum Unglück habe ich gerade nichts in der Tasche, was ich dir als Belohnung bieten könnte, aber doch soll dir deine Belohnung nicht vorenthalten bleiben. Ich habe gewaltige Eile, wenn ich mich vor dem drohenden Regenguß retten will; achte deshalb auf, was ich dir kurz sagen will und behalte es wohl. Nach zwei Jahren wird man dich zum Kriegsdienst nehmen und du wirst in ein Reiterregiment eingestellt werden. Eine Zeit lang wirst du mit dem Heere von einem Orte zum andern ziehen, bis ihr endlich im Norden, in Finnland, in Quartier kommt. Eines Tages wird dir das Herz von Heimweh schwer werden, wenn gerade an dir die Reihe ist, die Pferde auf die Weide zu führen. Eine kleine Strecke weit von deinem Standquartier, auf einer weiten Rasenfläche, wird eine krumm gewachsene Birke dir in's Auge fallen. Tritt an die Birke heran, klopfe drei Mal unten auf den Stamm und frage: ist der Krumme zu Hause? Dann wirst du den Lohn für die heute mir erwiesene Wohlthat empfangen. Und nun Gott befohlen!« — Damit eilte er davon und war in kurzer Zeit den Augen des Bauers entschwunden. Dieser sah ihm mit spöttischem Kopfschütteln nach und ging dann rasch nach Hause. Als er beim Ausbruch des Regens sein Haus erreicht hatte, war der Fremde sammt seinen Prophezeiungen vergessen.

Gleichwohl begab sich später etwas, was den ersten Theil der Prophezeiung wahr machte: der junge Bauer wurde nach zwei Jahren zum Soldaten genommen und der Reiterei zugetheilt. Man sollte meinen, daß ihm dieses Begegniß das Zusammentreffen mit dem fremden Manne in's Gedächtniß zurückgerufen hätte, aber dem war nicht also, vielmehr schien jener Tag gänzlich aus seiner Erinnerung geschwunden. Er war nun schon eine Zeit lang mit seinem Regimente von einem Ort zum andern gezogen und endlich, nachdem er über vier Jahre lang Kronsbrot gegessen hatte, im nördlichen Finnland in's Quartier gekommen. Hier in der Fremde, fern von Hause und von den lieben Seinigen, wurde ihm das Herz oft schwer, und die Sehnsucht preßte ihm Thränen aus, wenn er allein über seine Gedanken brütete. Eines Tages traf ihn die Reihe, die Pferde auf die Weide zu führen. Als er nun wieder so allein und mißmuthig auf dem Felde da saß und seine sehnsüchtigen Gedanken in die Heimath wandern ließ, trafen seine Augen zufällig auf eine krumm gewachsene Birke, die nicht weit von ihm stand. Da wurde ihm wunderbarer Weise mit einem Male fröhlich zu Muthe, die Tage seiner Kindheit und Jugend stiegen lebendig in seiner Erinnerung auf, und auch der Ort, wo er sich befand, schien ihm längst bekannt, wiewohl er sich keine klare Rechenschaft darüber geben konnte, ob er dieses Bekanntsein träumend oder wachend empfinde. Als er sich mit der Hand die Stirn rieb, gleichsam um sein Gedächtniß zu wecken, fiel ihm plötzlich die Begegnung mit dem fremden Manne deutlich wieder ein, wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewölk bricht. Das Zusammennehmen der Schwaden, die drohend aufsteigende Gewitterwolke, der fremde Schläfer am Waldessaum und dessen bedeutungsvolle Prophezeiung — Alles stand vor ihm, als wäre es erst gestern geschehen. Als er nun alle seine Lebensschicksale bis heute im Geiste durchflog, fand er, daß die Prophezeiung eingetroffen war. Was kann mir denn der Versuch schaden, daß ich zur Birke gehe und an ihren Stamm klopfe? dachte der Mann. Einmal weiß doch hier Niemand, weshalb ich es thue und dann sieht mich ja auch jetzt kein Mensch, der mich später wegen meines närrischen Beginnens verspotten könnte.

So denkend, näherte er sich der Birke und sah sich eine Weile nach allen Seiten um, ob in der Nähe nichts Störendes zu erblicken sei; dann faßte er sich rasch ein Herz und klopfte dreimal leise an den Stamm, während seine Zunge halb widerstrebend fragte: »Ist der Krumme zu Hause?« Es kam keine Antwort. Der Kriegsmann fühlte seinen Mut wachsen, klopfte noch einmal stärker, so daß der Stamm wiederhallte und rief mit starker Stimme: »Ist der Krumme zu Hause?«

In der Birke erhob sich ein Geräusch und plötzlich stand der fremde Mann vor ihm, wie vom Winde hergeblasen. »Nun, mein Lieber!« sagte er freundlich — »es ist sehr gut, daß du mir mein Versprechen in's Gedächtniß zurückgerufen hast. Ich glaubte, du habest ganz vergessen, was ich dir einst sagte, und es wäre mir sehr leid gewesen, wenn es mir deshalb nicht möglich geworden wäre, dir meine Schuld abzutragen. Kinder, he!« rief er in die Birke hinein: »wer von euch kann am schnellsten sein?« — »Ich« — erwiderte eine Stimme — »kann so schnell sein, wie der Vogel fliegt.« — »Schon gut,« sagte der Krumme, »aber wer kann noch schneller sein?« Ein andere Stimme erwiderte: »Ich kann mit dem Winde um die Wette laufen!« — »Wollen wir sehen ob ein anderer noch schneller sein kann« — sagte der Alte und fragte dann zum dritten Male. Darauf erwiderte ein feines Stimmchen: »Vater, ich kann so schnell sein, wie der menschliche Gedanke!«[26] »Komm, mein Sohn,« rief der Krumme — »dich kann ich heute gerade brauchen.« Darauf stellte er einen mannshohen, mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Sack vor den Kriegsmann hin, faßte diesen am Hute und sagte: »Kriegsmann und Hut auseinander! und Mann und Sack nach Hause!« Augenblicklich fühlte der Reitersmann, wie sein Hut ihm vom Kopfe flog, als er sich aber umsah, wo der Hut hingekommen sei — fand er sich plötzlich daheim in Mitte der Seinigen und der gewaltige Geldsack stand neben ihm auf dem Boden. Anfangs hielt er das Begegniß für einen Traum, bis er sich endlich überzeugte, daß sein Glück ein wirkliches sei.

Da kein Mensch auf ihn als einen Ausreißer fahndete, so kam er endlich auf die Vermuthung, daß der abhanden gekommene Hut an seiner Statt im Dienste geblieben sei. Vor seinem Tode erzählte er die wunderbare Begebenheit seinen Kindern und sprach dabei die Meinung aus: da das geschenkte Geld ihm Glück gebracht habe — so könne der Geber kein böser Geist gewesen sein.