9. Die Stiefmutter[27].

Ein noch junger Wittwer hatte zum zweiten Male gefreit, dabei aber seine Augen zu Hause vergessen, so daß er ein gar tückisches Weib in's Haus gebracht hatte. Ein wahres Hundeleben hatte bei ihr das Töchterchen der ersten Frau, welches zwei Jahre alt nachgeblieben war, wie ein Lämmlein. Als die Stiefmutter dann selber ein Töchterchen zur Welt gebracht hatte, ging es dem Stiefkinde vollends gar jämmerlich. Dennoch ertrug das arme mutterlose Geschöpfchen alles Bittere und Schwere, und klagte seine Noth Niemanden, als oftmals unter Thränen seinem Gott im Himmel. — Die schlaue böse Stiefmutter wußte vor den Leuten ihre Bosheit zu verstecken und geberdete sich so, daß Unkundige glauben konnten, sie verhätschele ihre Stieftochter mehr, als ihre eigene leibliche Tochter. Gingen die Töchter Sonntags zur Kirche oder sonst wohin auf Besuch, so sah man stets die Stieftochter hübscher angezogen als das eigene Kind. Es wohnte aber in der Nachbarschaft eine kluge alte Kinderbesprecherin,[28] welche die Sache durchschaute und recht gut wußte, wie es der Stieftochter zu Hause ging, wenn keine Zuschauer da waren. Wenn diese Alte zuweilen hin kam, so streichelte sie heimlich dem Stiefkinde Kopf und Wangen und sagte: »Harre aus und hoffe! es bricht schon noch einmal eine bessere Zeit für dich an.« Dem Wartenden aber wird die Zeit lang; und als Jahr auf Jahr verstrich, ohne ein besseres Leben herbeizuführen, kam die Waise zu der Ansicht, daß das Dorfmütterchen ihr nur leere Worte vorgeschwatzt habe.

Beide Töchter waren herangewachsen, da kam eines Morgens ein Freier auf den Hof. Aber zum Verdruß der Mutter begehrte der Mann nicht ihre eigene Tochter, sondern die Stieftochter zur Frau. Die Mutter sagte: »Meine Töchter sind beide noch sehr jung, und ihr Nacken ist noch zu schwach für das Joch der Ehe[29]; ich will sie nicht so früh verheirathen.« Der Mann mochte aber nicht mehr lange warten und man kam endlich überein, daß er nach einem halben Jahre mit dem (Freier-) Branntwein wieder kommen solle. Die Mutter dachte bei sich: vielleicht gelingt es mir, die Sache so zu wenden, daß er dennoch meine Tochter zum Weibe nimmt. Als nun der Freier nach einem halben Jahre wieder kam, hatte die Mutter den Anzug der Töchter vertauscht und beide so an den Spinnrocken gesetzt, daß der in die Stube Tretende nur ihren Rücken erblickte. Der Branntwein wurde angenommen und freundlich sagte die Mutter: »Wohlan, lieber Freier, wenn das alte Wort Wahrheit redet, so muß das Herz dich zu deinem Liebchen ziehen, ohne daß du es siehest. Sage mir jetzt: welche von den beiden Spinnerinnen ist dein Schatz?« Der Freier schritt alsbald gerade auf den Rocken der Stieftochter zu sagte: »Die Schale ist wohl anders aber der Kern steckt doch hier in meinem Schatze.« So mußte denn der Freierbranntwein getrunken werden und obgleich der Mutter das Herz vor heißem Zorne zu springen drohte, zeigte sie doch dem Freier ein freundliches Gesicht. Als der aber fort war, fiel sie ärger als ein Hagelwetter über die arme Stieftochter her, die — so meinte die Frau — dem Bräutigam heimlich ein Zeichen gegeben habe.

Am Hochzeitsmorgen putzte sie ihre eigene Tochter mit prächtigen Kleidern heraus und hüllte ihr das Gesicht in seidene Tücher ein, so daß kaum die Nasenspitze frei blieb, weshalb auch weder Bräutigam noch Hochzeitsgäste den Betrug merkten. Die Stelle der Tochter durfte aber nicht leer bleiben, deshalb hatte sie eine Strohpuppe gemacht, derselben die Kleider ihrer Tochter angezogen und sie an den Heerd gesetzt, so daß sie die Gäste glauben sollten, ihr Kind bleibe zu Hause und koche für die Hochzeitsgäste, während die Stiefschwester in der Kirche dem Manne angetraut werde. Die arme Stieftochter saß aber inzwischen in der Riege[30] in einer alten umgestülpten und mit vielem Geröll bedeckten Tonne, wie eine Maus in der Falle.

Der Hochzeitstag war noch nicht weit, als die alte Nachbarin dem Mädchen zu Hülfe eilte, es aus seinem Gefängniß befreite und ihm befahl dem Zuge hurtig nachzulaufen, um in der Kirche die Traurede des Geistlichen anzuhören, auf dem Wege zur Kirche aber sangen des Bräutigams Schlittensohlen unaufhörlich:

»Liebchen stöhnet unterem Faß,
Hühnchen seufzet unterm Deckel,
Zieht dein Pferd doch eine Fremde
Ja ein Unhold fährt im Schlitten.«

Der Bräutigam fragte: Was denn die Schlittensohlen so wunderlich quiekten? Schlau erwiderte die Schwiegermutter:

»Schlittensohle tanzt zur Hochzeit
Und das Krummholz knarrt vor Freude.«