Die aus dem Fasse befreite Stieftochter lief so rasch sie konnte dem Hochzeitszuge zur Kirche nach, aber freilich waren die Beine der Rosse viel flinker, so daß sie die Hochzeitsgäste nicht mehr einholen konnte. Als sie in die Kirche trat, waren die Ringe schon gewechselt. Was jetzt beginnen? Alle Hoffnung war geschwunden. Weinend verließ die betrogene und verachtete Braut die Kirche und setzte sich am Wege nieder, wo der Hochzeitszug von der Kirche her vorbeifahren mußte. Dort sang sie, als der Zug vorbeikam:

»Haltet, haltet, Hochzeitsgäste,
Weile, weile, lieber Bräut'gam!
Hast 'ne Fremde mitgenommen
Hast dein Hühnchen ja verloren!«

Der Bräutigam fragte wieder, was der Gesang zu bedeuten habe und die Schwiegermutter erwiderte: »Ein ungebetener Gast singt albernes Zeug!« Aber die Sache schien doch dem Bräutigam durchaus nicht so albern; er ließ darum halten, und wollte selbst gehen um zu forschen, was diese Posse zu bedeuten habe. Aber der Brautvater schalt ihn und sagte: »Mache dich doch nicht zum Gespötte vor den Leuten! Wer wird wenn es zur Freite oder zur Hochzeit geht, auf Hundegebell hören? Deinen Schatz hast du im Schlitten, jetzt fahre nach Hause ehe die Würste und Kuchen kalt werden.« Aber das verachtete Mädchen war hinten auf den Tritt eines der Schlitten gesprungen und fuhr so mit den Anderen nach Hause. Als der Zug still hielt, bis des Bräutigams Genossen die Bierkannen aus dem Hause holten[31], schlüpfte das Mädchen vom Schlitten herunter, setzte sich unter einen Wachholderbusch und sang wieder ihren Vers:

»Haltet, haltet, liebe Gäste,
Weile, weile, lieber Bräut'gam!
Dir im Schlitten sitzt 'ne Wölfin —,
Hühnchen unter dem Wachholder.«

Dem Bräutigam schwoll das Herz vor Unmuth, er wollte jetzt der Sache auf den Grund kommen, aber die Mutter und der Brautvater wehrten ihm sogleich: »Höre nicht auf das dumme Geschwätz von Eindringlingen, du machst dich nur zum Gespötte vor den Leuten!« So unsicher auch der Bräutigam geworden war, wagte er doch nicht, das Wort älterer Leute in den Wind zu schlagen.

Als man in's Hochzeitshaus gekommen war, wurde die junge Frau aus dem Schlitten gehoben und an den Tisch geführt, aber die Tücher wurden ihr nicht vom Kopf genommen, so daß der Bräutigam den Betrug nicht gewahr werden konnte. Als man sich zum Essen gesetzt hatte, sang das verachtete Kind hinter der Thür:

»Bräutigamchen ist betrogen
Hat ein fremdes Theil bekommen!«

Die Schwiegermutter sprang zornig vom Tische auf und sagte: »Jagt mir die unverschämten Schmarotzer von der Schwelle!« Aber die Stieftochter flüchtete auf den Boden, wo sie so lange warten wollte, bis das junge Paar in die Schlafkammer geführt würde. Dem Bräutigam schmeckte weder Speise noch Trank mehr, ihn hatten die seltsamen Sänge, die er wiederholt vernommen, ganz verstimmt.

Da die junge Frau keine Brüste hatte, wie sie ihrem Geschlechte eigen sind, so hatte ihr die Mutter Büschel von Hede unter's Hemd in den Busen gestopft. Als nun die Gäste zur Ruhe gingen und auch das junge Paar sich in's Schlafgemach begab, sang das bekannte Stimmchen wieder vor dem Fenster:

»Bräutigamchen, liebes Bürschlein!
Auf der Brust sind Büschel Hede;
Hede giebt dem Kind nicht Nahrung,
Noch dem Manne seine Freude.«