Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein Theil hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmeckt die frische Fleischbrühe nebst Schweinefleisch nicht mehr, sondern sie verlangt nach anderer Speise.« Der Krebs fragte, was denn die Frau haben möchte und sagte, als er es gehört hatte: »Geh nur heim, deiner Frau Wünsche sollen alsbald erfüllt werden, ohne daß du dabei weitere Anstalten zu treffen brauchst.« Als nun am anderen Tage Mittag herankam, schaute der Mann oftmals mit ängstlichem Blicke auf den Eßtisch, ob des Krebses Zusage auch wohl in Erfüllung gehen werde? Und je höher die Sonne stieg, desto tiefer sank des Mannes Hoffnung, da der Tisch noch immer leer blieb. Nun siehe das Wunder! Zur bestimmten Zeit standen Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische. Die Frau war ganz glücklich; die Schmeichelworte liebster Mann, Goldmann, kamen häufiger über ihre Lippen als am ersten Tage nach der Hochzeit. Abends beim Schlafengehen hatte sie dann den Mann so lange geliebkoset und umschmeichelt, bis er ihr den Vorfall mit dem Krebse erzählt hatte. »Was fehlt uns nun noch«, sagte die Frau — »wenn wir einen solchen Helfer haben? Wir wollen jetzt einmal ein besseres Leben führen. Schon längst sind mir diese Bauerkleider widerwärtig und wünschte ich mir einen stattlicheren Anzug; geh und schaffe mir Damenkleider.« Der Mann versuchte zwar Widerstand zu leisten, indem er sagte, er wisse nicht, ob der Krebs dergleichen hervorzubringen vermöge — aber die Frau ließ ihren Einfall nicht fahren, sondern setzte dem Manne Tag für Tag so lange zu, bis sie ihn bewog an den Fluß zu gehen. Da der Mann weder Tag noch Nacht mehr Ruhe hatte, ging er eines Morgens an den Fluß mit dem festen Vorsatze: kann der Krebs mein Begehr nicht erfüllen, so ersäufe ich mich im Flusse.

Nachdem er eine Weile unschlüssig am Ufer auf und abgegangen war, faßte er sich endlich ein Herz und rief mit schüchterner Stimme:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Der Krebs streckte augenblicklich seine schwarzen Scheren an's Ufer und fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meines Weibes Wünsche nehmen kein Ende; obwohl jetzt alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische stehen, so ist sie doch mit den guten Bissen nicht mehr zufrieden.« »Was will sie denn?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Prächtige Damenkleider statt ihrer eigenen Lumpen!« Der Krebs lachte und sagte: »Geh heim, deines Weibes Wunsch soll vollständig erfüllt werden.« Der Mann dankte dem Krebs für sein gütiges Versprechen und machte sich auf den Heimweg, sehr vergnügt über das leichte Gelingen dessen, was er besorgen sollte. Schon an der Hofthür kam ihm seine Frau in stattlichen Kleidern entgegen, die er im ersten Augenblicke nicht kannte, bald aber als seine eigene, zur Dame erhobene Frau erkennen mußte. Jetzt lebten sie einmal im Glücke: alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische und die Frau mit stattlichen Damenkleidern angethan. Zu Ende der Woche sagte die Frau eines Abends zum Manne: »Ich habe mir die Sache hin und her überlegt und gefunden, daß unser Leben auf diese Weise nicht fortgehen kann. Stattliche Damenkleider, Gänsebraten und süße Kuchen vertragen sich nicht mehr mit einer Bauernhütte, der Krebs muß uns einen Gutshof schaffen, in welchem ich, Tag aus Tag ein, wie eine gnädige Frau wohnen kann.« Zwar sträubte sich der Mann auf alle Weise, weil er glaubte, daß der Krebs ein solches Verlangen übel nehmen könnte, aber die Frau gab ihre eigensinnige Grille nicht auf, sondern quälte den Mann so lange, bis er sich endlich fügte.

Mit schwerem Herzen und unmuthigen Schritten ging der Mann den andern Morgen an den Fluß; oftmals stand er still und sann darüber nach, wie er sich wohl dieser schlimmen Aufgabe entziehen könnte; da ihm aber kein besserer Rath kam, mußte er doch endlich seinen mächtigen Helfer angehen und rief:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und fragte:

»Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meine Frau hat trotz ihrer guten Kost und ihrer Damenkleider keine Ruhe mehr und quält mich alle Tage wie der böse Feind, daß ich deine Hülfe anrufen soll.« Als der Krebs hörte, daß die Frau abermals Wünsche hege, fragte er, was sie denn nun wieder Neues wolle? Der Mann berichtete, daß die Frau nach einem prächtigen Gutshof und nach dem Titel einer gnädigen Frau Verlangen trage und bekannte zuletzt, daß er ihr eines Abends sein Zusammentreffen mit dem Krebs erzählt habe. »O du Armer!« rief der Krebs, »dann hast du deinem Glücke und deinem Frieden ein Ende gemacht! Deines Weibes Wünsche werden dir keine Ruhe lassen, bis ihr all' euer jetziges Glück wieder eingebüßt habt. Dennoch magst du dieses Mal ruhig nach Hause gehen, deines Weibes Begehr soll vollständig erfüllt werden.«

Als der Mann vom Flusse nach Hause kam, glaubte er sich verirrt zu haben, weil er seine frühere Hütte nicht mehr vorfand und die ganze umliegende Gegend ihm fremd vorkam. Ein stattliches Hofgut lang vor ihm, mitten in einem schönen Nutzgarten, und während er noch zweifelnd dastand und nicht wußte, was er thun sollte, kam ihm eine stattliche Dame in seidenen Kleidern entgegen. An der Stimme erkannte er seine angetraute Gattin, die ihn zärtlich umarmte und sagte: »Jetzt sind meine Wünsche befriedigt; ich danke dir und deinem Helfer dem Krebse!« Der Mann wußte nicht, was er vor Freuden anfangen sollte; jetzt hatte er eine Frau, die ihn lieb und werth hielt. Um die Speisen hatten sie keine Sorgen mehr, da die Köche jeden Tag herbeischaffen mußten, was der gnädigen Frau Herz begehrte. Ein besseres Loos konnte einem Menschen nirgends auf Erden zu Theil werden.

Dennoch fand das unersättliche Herz der Frau keine Ruhe, vielmehr begann sie nach eigen Wochen den Mann wiederum zu quälen, er möchte sie mit Hülfe des mächtigen Krebses zur Königin erheben. Der Mann sträubte sich aus allen Kräften, aber es half nichts, denn die Frau summte ihm Nacht und Tag ihre Gelüste nach der königlichen Würde in's Ohr und ließ ihm nirgends Ruhe. Wohl ächzte und seufzte das arme Männchen und kratzte sich hinter den Ohren, da er sich aber nicht anders zu helfen wußte, so mußte er endlich gehen, um beim Krebse Hülfe zu suchen.