Als er an den Fluß kam, war er mehr todt als lebendig; er versuchte mehrmals seinen Helfer zu rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst. Endlich gelang es ihm jedoch, die Worte hervorzustottern:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete schüchtern: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meinem Weibe will der Stand einer gnädigen Frau auf ihrem Hofsitz nicht mehr behagen.« Der Krebs fragte: »Was für einen Stand wünscht sie sich denn?« Der Mann erwiderte: »Meine Frau will Königin werden.« »Oho!« rief der Krebs, »indeß da ich einmal dein Schuldner bin, will ich dieses Mal noch deinem Weibe den Willen thun. Geh heim, deines Weibes Wunsch soll in Erfüllung gehen.«

Wie der Krebs es verheißen hatte, so fand der Mann, als er nach Hause kam, seine Frau zur Königin erhöht. Knechte, Diener und Zofen gab es zu Dutzenden und alle mußten der neuen Königin Befehle vollziehen. Gott sei gedankt! dachte der Mann, jetzt werde ich einmal Ruhe haben, denn das höchste Begehr meines Weibes ist erfüllt; dazu auf Schritt und Tritt soviel Dienerschaft, daß sie es gar nicht merkt, wenn ich abseits gehe, um nach all' der Mühe und Noth auszuruhen.

Ueber ein paar Monate verstrichen der Frau in ihrer königlichen Würde gar angenehm, so daß kein Wunsch sie mehr plagte. Eines Tages aber ließ sie ihren Mann rufen und sagte: »Ich habe nicht länger Lust, Königin zu sein, sondern will noch höher steigen! Darin müssen du und dein Helfer, der Krebs, mir behülflich sein.« Der Mann fragte: »Was willst du denn noch, wenn die königliche Würde dir nicht frommt?« Die Frau erwiderte: »ich will Gott werden!« Der Mann erschrak dermaßen, daß er eine Zeit lang kein Wort hervorbringen konnte, dann legte er sich auf's Bitten und als all sein Bitten nichts half, fuhr er endlich heraus: »Mach' was du willst, aber diese Bitte werde ich dem Krebse nicht vorlegen.« »Sieh den Lausangel!« rief das Weib zornig, »darfst du dich mir widersetzen, die ich deine angetraute Frau und obendrein noch Königin bin! Augenblicklich erfülle meinen Befehl, oder ich lasse dir das Leben nehmen!«

Der Mann dachte: sterben müssen wir Alle, gleichviel wie ich um's Leben komme, ob durch meine böse Frau, oder durch den Krebs, ich will den Befehl vollziehen. So denkend, machte er sich mit kecken Schritten auf, aber je näher er dem Flusse kam, desto kürzer wurden des Männleins Schritte. Endlich faßte er sich ein Herz und rief:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann aus dem Schlupfloch!«

Ringsum blieb Alles still, weder der Krebs noch ein lebendes Wesen ließ sich blicken. Es rief noch ein Mal, ebenso fruchtlos, endlich rief er zum dritten Male. Da streckte der Krebs erst die eine dann die andere Scheere, langsam an's Ufer und fragte: »Was willst du von mir?« Der Mann sagte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehr aber meine zur Königin erhobene Frau läßt mir nirgends Ruhe.« »Was begehrt sie denn noch?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Sie will Gott werden.« Zornig versetzte der Krebs: »In den Schweinestall alle Beide! Deine Frau ist toll und du bist noch schlimmer als toll, weil du nach ihrer Pfeife tanzest.«

Der Mann hatte eine Empfindung, als ob der Boden unter seinen Füßen erschüttert würde. Als er sich prüfend umsah, wurde er weder Fluß noch Krebs gewahr, etwas weiterhin stand eine Hütte im Freien. Als der Mann darauf zuging, fand er einen Schweinestall und seine Frau in elenden Lumpen im Winkel auf schmutzigem Stroh am Boden. Da mußten sie bis an ihr Ende wohnen und des alten Wortes gedenken: »Allzu scharf macht schartig.«