p. Der Kapellenbau.

Weil die Kathrinenkirche sehr weit war und zur Zeit der schlechten Wege der Kirchenbesuch den Leuten sehr schwer fiel, ließ ein Herr von Pahlen seinen Gebietsinsassen auf seine Kosten eine Kapelle aufbauen. Als das neue Gotteshäuschen fertig war, machte es dem Herrn großen Kummer, daß die Kapelle keine Glocke hatte und Glockengießer gab es damals bei uns zu Lande nicht. Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach seiner eigenen Fügung helfen, das halb gebliebene Werk durchzuführen. Da erhob sich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit reicher Fracht beladenes Schiff in große Gefahr. Der Schiffer gelobte in der höchsten Noth, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu erreichen, der nächsten Kirche zwei Glocken schenken. Nach einigen Stunden legte sich der Sturm und das beschädigte Schiff erreichte glücklich den Strand von Palms, wo es ausgebessert wurde; die Kapelle aber erhielt auf diese Weise zwei schöne Glocken.

q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand[82].

Reval, welches darum das jungfräuliche heißt, weil kein Feind es jemals bezwungen hat, war einst einen ganzen Sommer hindurch von einem feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings um die Stadt laufenden Mauern und Schanzen stark genug waren, den Feind abzuwehren, so kam es doch mit der Zeit dahin, daß der Hunger die Bewohner quälte und daß bei der von Tage zu Tage wachsenden Noth die Schwächeren schon verzweifeln wollten. In dieser Bedrängniß wurde wieder ein Pahlen ihr Retter. Listiger Weise ließ er, als wollte er den hungernden Bewohnern der Stadt Proviant zuführen, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die Nähe des feindlichen Lagers abgehen, wo denn die mit Lebensmitteln und Bier beladenen Wagen sofort festgehalten wurden. Im Lager aber herrschte nicht viel weniger Mangel als in der Stadt, weswegen die Kriegsleute sich wie hungrige Wölfe auf den Proviant stürzten, so daß Niemand Zeit hatte auf die Stadt viel Acht zu geben. Diesen kurzen Zwischenraum suchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benutzen. Er ließ zur See einen gemästeten Ochsen nebst einigen Scheffeln Malz heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten nun alsbald frisches Bier, brachten zur Nachtzeit große Kufen auf die Stadtwälle, kehrten sie um und gossen das gährende Bier darauf, so daß der Schaum über die Ränder floß. Dann wurde der Stier auf den Wall gelassen, der brüllend umher lief und mit den Hörnern die Erde aufwarf. Als nun die Feinde die schäumenden Bierfässer und den gemästeten Ochsen gewahr wurden, da sank ihnen plötzlich der Muth: »Hol' euch der und jener!« riefen die Kriegsleute — »wer noch soviel Bier brauen und Mastochsen auf den Wällen umherlaufen lassen kann, den können wir nicht durch Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir noch früher dem Hunger verfallen als jene.« Am andern Morgen sah man wie der Feind das Lager räumte und den Rückmarsch antrat; Reval aber war wiederum gerettet.

r. Der Frauen von Pahlen Todesboten.

Alte Leute erzählen, daß Gott den Frauen von Pahlen das besondere Glück verlieh, daß er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieser Welt bevorstand, ihre Todesstunde voraus verkünden ließ. Dies geschah so, daß sie einige Tage vor ihrem Tode sich selber erblicken mußten, sei es nun, daß ihre eigene Gestalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demselben Stuhle saß, wo sie täglich selbst zu sitzen pflegten oder vor ihren Augen schlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes Bild auf diese Weise erblickt, so wußte sie, daß nach einigen Tagen ihr Ende bevorstehe, denn es war mit ihren Müttern und Großmüttern ganz ebenso gewesen. — Einer dieser Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle erschienen und hatte sie mit betrübtem Blicke angesehen. Eine andere wollte sich eben zu Tische setzen, als sie sich selbst schon auf ihrem Stuhle sitzend gewahrte.

s. Der Heimgänger-Schütze[83].

Mein seliger Großvater erinnerte sich aus seinen Kinderjahren, wie noch mancher von dem alten Herrn von Kersel zu erzählen wußte, der als berühmter Heimgänger-Schütz keine nächtliche Wanderung anders unternahm als mit einer Flinte bewaffnet, die mit silbernen Kugeln geladen war. Rings um Kersel waren endlich alle diese Nachtgespenster fortgeschafft, so daß sich keins derselben mehr getraute, sich vor den Menschen sehen zu lassen, aber an andern Orten wurden sie noch häufig gefunden. So hat einst der Prediger von Halljal[84] die Hülfe des seligen alten Herrn angerufen, weil er, in der Nähe des Kirchhofes wohnend, Nachts keine Ruhe hatte. Als der alte Herr hinkam, hatte er die ersten Nächte sehr viel zu thun, ehe er dem Kirchhofe Ruhe schaffen konnte. Vier und fünf Flintenschüsse wurden fast in jeder mondhellen Nacht vernommen, bis endlich dem Schützen diese Vögel nicht mehr zu Gesicht kamen. Nur spottete seiner doch noch eine Weile eine lange weibliche Gestalt, welche jeden Abend beim ersten Hahnenschrei mitten auf dem Kirchhofe über einem Grabe aufstieg, auf den Schuß des Herrn wie ein Nebel verschwand, aber nach einigen Augenblicken wieder auf dem alten Flecke war. Ein paar Dutzend silberner Kugeln hatte der Herr schon an sie verschwendet, ohne dem Feinde beizukommen. Da erschien eines Tages ein altes Väterchen vom Strande von Tolsburg[85] und schlug dem Herrn vor, das die silbernen Kugeln nicht fürchtende Weibsbild den Wölfen[86] entgegen zu jagen, wobei es gewiß sein Ende finden werde. »Ich habe« — sagte der Strandbewohner — »einen mit Zauberkräutern beräucherten[87] Hund, der sie von hier vertreiben und in die Flucht jagen wird, nur müssen wir warten bis zum Monat Februar, wo die Wölfe ihre Brunstzeit haben und ihrer viele beisammen sind.« — Da der Herr keinen besseren Anschlag gegen den Feind wußte, nahm er den Beistand des Strandbewohners mit Dank an, und versprach bis zur angegebenen Zeit zu warten und dann mit ihm und dem beräucherten Hunde auf die Jagd gegen die Heimgängerin zu ziehen.

In einer mondhellen Februarnacht machte man sich auf, das Werk zu vollführen. Einige Werst weit von der Kirche stand eine mit Heu gefüllte Scheune. In diese stellte der Strandbewohner einen ihm bekannten beherzten Mann mit einer tüchtigen dreizackigen eisernen Gabel zum Wächter, damit er die vor den Wölfen die Flucht Nehmende zurückscheuche, falls sie einen Zufluchtsort in der Scheune suchen würde. Eine gute Stunde vor Mitternacht ging der Herr mit dem Strandbewohner auf den Kirchhof, wo die bekannte Gestalt schon vor ihnen auf einem der Gräber stand. Der Herr wollte nun zuerst noch ein Mal sein Heil mit der Flinte versuchen, weswegen er diese stark lud und drei silberne Kugeln hineinthat; dann zielte er gut und schoß los! — die Gestalt verschwand, stand aber im nächsten Augenblicke wieder vor ihnen. Jetzt wurde der Hund darauf gehetzt, der die weiße Gestalt alsbald vom Kirchhof verscheuchte und gerade nach dem Sumpfe zu trieb. Die Gestalt schwebte voraus, der Hund war ihr bellend auf den Fersen. Nicht gar weit vom Sumpfe kam eine Wolfsherde daher, es mochten ihrer mindestens zehn Stück sein; der Hund kehrte um und die Wölfe waren gleich der Heimgängerin auf den Fersen. Aber die weiße Gestalt schien wie Flügel unter den Sohlen zu haben, so daß die Wölfe ihr durchaus nicht nachkommen konnten. Drei oder vier Schritt vor der Scheune sprang sie wie ein Eichhörnchen mit einem Satze durch die obere Thüröffnung in die Scheune, setzte sich auf die Schwelle nieder und streckte die Füße hinauf, so daß sie über die Thür hinausragten. Nach einiger Zeit langten auch die Wölfe hier an und blickten mit glühenden Augen hinauf nach dem Sitze der Heimgängerin, konnten aber an der Thür-Wand nicht hinan. Da höhnte sie die Heimgängerin! Sie streckte abwechselnd den rechten und den linken Fuß den Wölfen hin und rief dabei jedesmal: »Da! nehmt diesen Fuß! da! nehmt den andern Fuß! keinen kriegt ihr: beides sind meine Füße[88]!« — Der hinter ihr aufgestellte Wächter sah das Spiel eine Zeit lang mit an, packte dann mit beiden Händen die Gabel am Stiel und stieß mit einem kräftigen Schlag das Gespenst kopfüber hinunter vor die Wölfe. Augenblicklich zerrissen die Wölfe sie, so daß kein Fetzen von ihr nachblieb.

Den andern Morgen ging der Herr mit dem Strandbewohner, die Stelle zu besehen, wo in der Nacht die Wölfe der Heimgängerin das Garaus gemacht hatten, allein sie fanden da keine andere Spur als ein handbreites Stück eines feinen leinenen Gewandes und einen goldenen Ring. Als der Herr die Inschrift auf der Innenseite des Ringes beobachtete, wurde sein Antlitz bleich wie Schnee, denn in dem Ringe stand der Name einer benachbarten Gutsfrau. Er fuhr sogleich hin und vernahm von dem Gesinde, daß in diesem Augenblicke Niemand von den Herrschaften zu Hause sei. — Nach einigen Tagen aber kehrte der Herr des Gutes in Trauerkleidung allein zurück und erzählte, die Frau sei plötzlich in Reval gestorben. Im Frühjahr verkaufte er das Gut und zog in die Fremde, aus der er nimmer wiederkehren mochte.