In den ersten Tagen war die ganze Erdoberfläche mit Ausnahme eines sehr hohen Berges in ihrer Mitte überflutet. Vom Meer her stieg das Wasser und bedeckte alles Land, mit Ausnahme dieses Berges; nur ein paar Tiere wurden gerettet und entkamen dadurch, daß sie die Berghänge hinanstiegen. Einige wenige Leute entkamen, indem sie ein Familienboot bestiegen. Ihr Leben fristeten sie mit Fischen, die sie bei Ebbe fingen. Als schließlich das Wasser zurückging, gingen die Leute, die gerettet waren, auf die Berge und lebten da; gelegentlich stiegen sie dann zur Küste herab. Auch die Tiere kamen wieder herab und belebten die Erde mit ihrem Geschlecht. Während der Flut schnitten Wogen und Ströme in die Oberfläche des Landes Furchen und Risse und als dann das Wasser zurückging und immer weiter zum Meer abfloß, waren die heutigen Berge und Täler entstanden.

[Die große Flut
(Von den Zentral-Eskimos)]

Vor langer Zeit begann einmal der Ozean plötzlich zu steigen, bis er das ganze Land bedeckt hatte. Das Wasser floß über die Gipfel der Berge und das Eis trieb über sie hinweg. Als die Flut sich dann zurückzog, strandete das Eis und bildete überall auf den Gipfeln der Berge eine Eishaube. Viele Schaltiere, Fische, Seehunde und Wale blieben hoch oben am Trocknen zurück und da sind ihre Schalen und Knochen noch bis zum heutigen Tage sichtbar. Eine große Anzahl Inuit starben während dieses Zeitraumes, aber viele andere, die, als das Wasser zu steigen begann, ihre Kajaks bestiegen hatten, wurden gerettet.

[Die Schöpfung
(Geschichten vom Raben Tu-lu-kau-guk I.)]

Es gab eine Zeit da auf der Erdoberfläche noch keine Menschen waren. Die ersten vier Tage war der erste Mensch noch eingehüllt in der Schote einer Stranderbse. Am fünften Tag streckte er seine Füße heraus, zersprengte die Schote und fiel als völlig ausgewachsener Mann auf den Boden und stand auf. Er sah sich um, bewegte seine Hände und Arme, seinen Hals und seine Beine und untersuchte sich selbst ganz neugierig. Als er sich umsah, erblickte er die Schote, aus der er herausgefallen war, noch an der Ranke hängend und an ihrem unteren Ende das Loch, aus dem er gekommen war. Dann sah er sich wieder um und bemerkte, daß er sich von seinem Ausgangspunkt entfernt hatte und der Boden unter seinem Tritt nachgab und ganz weich war. Nach einiger Zeit spürte er im Magen ein unangenehmes Gefühl und bückte sich, um aus einer kleinen Pfütze vor seinen Füßen Wasser in den Mund zu schöpfen. Das Wasser lief in seinen Magen hinunter und er fühlte sich wieder wohler. Als er wieder aufsah, bemerkte er ein schwarzes Ding mit flatternden Bewegungen geradewegs auf sich zukommen. Wenn es anhielt und am Boden stand, sah es ihn an. Das war der Rabe, und als er stehen blieb hob er einen Flügel und schob seinen Schnabel, wie eine Maske, auf den Kopf hinauf und verwandelte sich im selben Augenblick in einen Mann. Schon bevor er seine Maske hochgehoben, hatte er den Menschen angestarrt und nachdem er sie aufgehoben, glotzte er noch mehr und bewegte sich, um genauer sehen zu können, hin und her. Endlich sagte er: »Was bist du? Von wo bist du gekommen? So etwas wie dich habe ich noch nie gesehen!« Der Rabe blickte den Menschen an und war immer mehr darüber verwundert, daß dieses fremde Wesen ihm an Gestalt so ähnlich war.

Dann ließ er den Menschen ein paar Schritte gehen und rief wieder erstaunt: »Von wo bist du gekommen? Ich habe früher nie so etwas, wie dich, gesehen!« Darauf antwortete der Mensch: »Ich komme aus dieser Erbsenschote«, und zeigte auf die Pflanze, aus der er gekommen war. »Ah«, rief der Rabe, »ich habe zwar diese Pflanze geschaffen, aber niemals geglaubt, es könnte so etwas, wie du daraus hervorkommen. Komm mit mir auf jene Anhöhe dort; ich habe sie zwar erst ein wenig später gemacht und sie ist noch weich und nachgiebig, aber es ist dort doch fester und härterer Grund als hier.«

Sie gewannen bald das höher gelegene Land und hatten nun festeren Boden unter ihren Füßen. Der Rabe fragte den Menschen, ob er etwas gegessen hätte. Dieser antwortete, daß er aus einer Pfütze irgend ein feuchtes Zeug zu sich genommen. »Ah«, sagte der Rabe, »du hast Wasser getrunken. Warte jetzt hier auf mich.«

Er zog die Maske wieder vors Gesicht, verwandelte sich so in einen Vogel und flog hoch in den Himmel, wo er verschwand. Der Mensch wartete wo er geblieben war, bis der Rabe am vierten Tag zurückkam. In seinen Klauen brachte er vier Beeren. Er schob seine Maske hinauf und wurde wieder ein Mann, der ihm zwei Brombeeren und zwei schwarze Rauschbeeren entgegen hielt und sagte: »Das habe ich für dich zum essen gebracht. Ich will auch, daß diese Beeren auf Erden häufig vorkommen; jetzt iß sie aber!« Der Mensch nahm die Beeren und steckte sie nacheinander in den Mund und sie stillten seinen Hunger, den er schon unangenehm gespürt hatte. Dann führte der Rabe den Menschen zu einem kleinen Bach in der Nähe; dort ließ er ihn stehen, ging zum Rand des Wassers und formte aus ein paar Lehmpatzen ein Paar Bergschafe und behielt sie in der Hand. Als sie getrocknet waren, forderte er den Menschen auf, sich anzusehen, was er gemacht habe. Der Mensch fand sie sehr schön und der Rabe befahl ihm nun, seine Augen zu schließen. Sowie er die Augen geschlossen hatte, nahm der Rabe wieder seine Maske vor und machte über den Bildwerken vier Flügelschläge, womit ihnen das Leben eingehaucht war und als vollausgewachsene Schafe sprangen sie davon. Nun hob er wieder seine Maske hoch und befahl dem Menschen zu sehen. Wie der Mensch die Schafe sich so voll Leben bewegen sah, schrie er vor Freude auf, und der Rabe sagte: »Wenn diese Tiere zahlreich geworden sein werden, werden die Menschen sehr danach trachten, sie zu bekommen.« Darauf sagte der Mensch, er hoffe, sie würden zahlreich werden. »Gut«, sagte der Rabe, »es wird aber für sie besser sein, in den hohen Felsen zu hausen, sodaß sie nicht jeder töten kann, und man soll sie nur dort finden.«