Am nächsten Morgen waren die Gänse schon früh in Bewegung und wollten aufbrechen, aber der Rabe schlief noch so fest, daß sie ihn aufwecken mußten. Der Gänsevater drängte: »Wir müssen uns beeilen, denn es wird bald schnein. Halten wir uns nicht auf!« Sowie der Rabe erwacht war, drängte er darauf fortzukommen und wie am Tag vorher führte er die anderen und wurde von seinen jungen Kameraden sehr bewundert. Er zog bald über, bald vor seinen Genossen dahin; diese machten anerkennende Bemerkungen, wie: »Ah, sieh, wie leicht und gewandt er ist!« So zog die Schar dahin, bis sie eines Abends an der Meeresküste halt machten; hier taten sie sich an Beeren gütlich, die in Menge herumwuchsen und legten sich dann schlafen.
Am nächsten Morgen schickten sich die Gänse in aller Frühe an, ohne Frühstücksrast, weiterzuziehen. Der Magen des Raben aber schrie nach den guten Beeren, die so zahlreich vorhanden waren, aber die Gänse wollten nicht warten und er wagte es daher nicht, sich dem Aufbruch zu widersetzen. Als sie die Küste verließen, sagte der Gänsevater, daß sie unterwegs nur einmal rasten würden und der nächste Weg werde sie dann an die andere Küste bringen. Dem Raben schien es sehr zweifelhaft, ob er imstande sein werde, die andere Küste zu erreichen, aber er schämte sich das einzugestehen und beschloß, den Versuch zu wagen. So flogen sie alle auf. Die Gänse flogen standhaft darauf los; nach einiger Zeit aber begann der Rabe zurückzubleiben; seine Flügel schmerzten ihn, während die Gänse gemächlich und noch unermüdet weiterflogen. Mühsam flog der Rabe weiter, glitt dann wieder eine Zeitlang mit ausgebreiteten Schwingen, um die müden Flügel auszuruhen, aber vergebens: er blieb immer mehr zurück. Schließlich sahen sich die Gänse um und der Gänsevater sagte: »Ich dachte, er wäre geübt und kräftig, aber er muß doch müd geworden sein; warten wir auf ihn.« Dann ließen sich die Gänse ganz nah nebeneinander aufs Wasser nieder und der Rabe, der mühsam herankam, sank auf ihren Rücken herab und schnappte nach Luft. Bald hatte er sich etwas erholt und sagte, indem er dabei die Hand auf die Brust legte: »Ich habe hier eine Pfeilspitze von einem alten Kampf her und die plagt mich sehr. Das ist der Grund, warum ich zurück blieb.«
Nachdem sie gerastet hatten, zogen sie weiter, aber die anderen mußten bald wieder auf den Raben warten und er wiederholte wieder die Geschichte von der Pfeilspitze, von der er behauptete, sie hätte sein Herz durchbohrt. Dann nahm er die Hand seiner Frau und legte sie auf seine Brust, damit sie fühle, wie es springe. Sie tat so, konnte aber nur spüren, daß sein Herz wie ein Steinhammer klopfte, aber nicht die mindeste Spur von einer Pfeilspitze; sie sagte aber trotzdem nichts. Sie zogen also weiter und mußten bald wieder auf den Raben warten. Jetzt fingen aber die Brüder schon an über ihn zu sprechen und sagten sich: »Ich glaub an diese Geschichte mit der Pfeilspitze nicht; wie kann er denn mit einer Pfeilspitze im Herz leben?«
Als sie rasteten, sahen sie vor sich in der Ferne die Küste. Der Gänsevater eröffnete nun dem Raben, daß sie, bevor das Land erreicht sei, nicht mehr auf ihn warten würden. Dann erhoben sich alle und flogen los. Der Rabe bewegte seine Flügel nur langsam und selbst das fiel ihm schon schwer. Ausdauernd flogen die Gänse der Küste zu, während der Rabe tiefer und tiefer sank und dem gefürchteten Wasser näher und näher kam. Als er hart an die Wellen kam, rief er nach seiner Frau: »Gib mir den weißen Stein! Gib ihn mir zurück!« Der war nämlich zauberkräftig. So schrie er bis seine Flügel sanken und fiel hilflos ins Wasser als die Gänse gerade das Land erreichten. Er versuchte sich vom Wasser zu erheben, aber sein Gewicht zog ihm die Flügel herunter und er trieb der Küste entlang, vor und zurück. Die Wellen wurden stärker und bald begannen die weißen Kämme über ihn zu gehen; er sank unter und konnte nur mit äußerster Anstrengung seinen Schnabel über die Oberfläche herausstrecken, um zwischen den Wellen nach Luft zu schnappen. Endlich schwemmte ihn eine große Welle ans Land. Als sie dann zurückflutete, grub er seine Krallen in die Strandkiesel und rettete sich nur mit schwerer Mühe davor, wieder ins Meer gespült zu werden. Sobald er konnte, kämpfte er sich an den Strand hinauf – ein übelzugerichteter Patron. Das Wasser lief in Strömen von seinen durchweichten Federn und die Flügel hingen zu Boden. Mehrmals fiel er um, bevor er endlich mit weitaufgesperrtem Mund einige Sträucher erreichte, wo er die Maske und sein Rabenkleid ablegte und ein kleiner, dunkler Mann wurde. Dann hob er Gewand und Maske auf, hängte sie an einen Strauch und machte sich aus einigen Holzstücken einen Feuerbohrer; bald hatte er ein Feuer entfacht und trocknete sich davor.
[Der Rabe, der Wal und der Nörz
(Geschichten vom Raben Tu-lu-kau-guk III.)]
Nachdem der Rabe sein Kleid am Feuer getrocknet hatte, sah er zufällig aufs Meer hinaus, bemerkte einen großen Wal die Küste entlang ziehen und sagte: »Wenn du wieder emporkommst, mach deine Augen zu und das Maul weit auf.« Dann legte er rasch sein Rabengewand an, zog die Maske vor, nahm seinen Feuerbohrer unter einen Flügel und flog hinaus übers Wasser. Der Wal kam bald wieder an die Oberfläche, und tat, wie ihm befohlen worden war und sobald der Rabe das offene Maul sah, flog er stracks hinein und in den Bauch des Wals. Der Wal schloß sein Maul und tauchte unter, während der Rabe sich umsah und bemerkte, daß er am Eingang eines schönen Raumes war, an dessen einem Ende eine Lampe brannte. Er trat ein und war erstaunt da ein schönes junges Weib sitzen zu sehen. Der Raum war rein und trocken; seine Decke wurde vom Rückgrat des Wals getragen und seine Rippen formten die Wände. Aus einer Röhre, die sich die Wirbelsäule des Wals entlang zog, tropfte langsam Tran in die Lampe. Als der Rabe eintrat, sprang das Weib auf und schrie: »Wie kommst du daher? Du bist der erste Mann der je hierherkam!« Der Rabe erzählte nun, wie er hereingekommen und sie lud ihn ein, sich auf die andere Seite des Raumes zu setzen. Diese Frau war der Geist des Wals, der ein weibliches Tier war. Dann bereitete sie ein Essen, gab ihm Beeren und Tran und erzählte zugleich, daß sie die Beeren vor einem Jahr gesammelt habe. Der Rabe blieb vier Tage lang als Gast des Geistes da und wunderte sich nur immer, was denn das für eine Röhre sei, die die Decke entlang führte. So oft die Frau den Raum verließ, befahl sie ihm, sie ja nicht anzurühren. Als sie wieder einmal hinausgegangen war, ging er zur Lampe, steckte seine Pfote aus und fing einen großen Trantropfen auf und leckte mit der Zunge daran. Das schmeckte so süß, daß er noch mehrere Tropfen auffing und sie verschluckte, wie sie herabfielen. Es wurde ihm aber bald zu langweilig und so kroch er hinauf, riß ein Stück von der Rohrwand los und verzehrte es. Kaum war das geschehen, so floß auch schon ein ganzer Sturzbach von Tran in den Raum und löschte die Lampe aus, während der ganze Raum selbst wild hin und herzurollen begann. Das dauerte fast vier Tage lang und der Rabe war halbtot vor Müdigkeit und den Quetschungen die er erhalten hatte. Dann stand der Raum still und der Wal war tot, denn der Rabe hatte eines seiner Herzgefäße aufgerissen. Der Geist kam nie in den Raum zurück und der Wal trieb an die Küste.
Der Rabe merkte nun, daß er gefangen war und während er darüber nachdachte, wie er entkommen könnte, hörte er, wie sich oben auf dem Wal zwei Leute unterhielten und den Vorschlag machten, alle ihre Dorfgenossen herzuführen. Das war rasch geschehen und bald hatten die Leute in den oberen Teil des Wals ein Loch gemacht. Dies Loch wurde dann erweitert, bis der Rabe, als alle gerade eine Fleischladung an die Küste trugen, entschlüpfen und sich unbemerkt auf der Spitze eines nahen Hügels niederlassen konnte; da fiel ihm ein, daß er seinen Feuerbohrer vergessen hatte und er rief aus: »Oh, ich hab meinen guten Feuerbohrer vergessen!« Schnell streifte er die Rabenmaske und die Rabenkleider ab, wurde wieder ein junger Mann und ging die Küste entlang auf den Wal zu. Die Leute beim Wal sahen bald den kleinen, in ein seltsam zusammengenähtes, dunkles Renntierfell gekleideten Mann auf sich zukommen und starrten ihn verdutzt an. Der Rabe trat näher und sagte: »Ho, ihr habt einen schönen großen Wal gefunden, ich will euch helfen ihn zu zerlegen!« Er streifte seine Ärmel hoch und ging ans Werk. Bald darauf schrie ein Mann, der drinnen im Walkörper arbeitete, herauf: »Ah, seht was ich gefunden habe, einen Feuerbohrer im Walfisch.« Sofort streifte der Rabe seine Ärmel herunter und sagte: »Das ist sehr schlimm, denn meine Tochter hat mir gesagt, daß wenn die Leute in einem Walfisch einen Feuerbohrer finden und ihn noch weiter aufschneiden, die meisten von ihnen sterben werden; ich lauf weg!« Und er lief weg.
Als der Rabe weg war, sahen die Leute einander an und sagten: »Vielleicht hat er doch recht«, und sie liefen alle weg und beim Weggehen suchte ein jeder den Tran von seinen Händen abzustreifen. Der Rabe guckte aus seinem Versteck in der Nähe zu und lachte, wie die Leute so wegliefen. Dann ging er um seine Maske und sein Gewand. Nachdem er sie gefunden, ging er zum Wal zurück, fing an ihn aufzuschneiden und holte das Fleisch am Strand zusammen. Als er an den Schmaus, den dieser Vorrat für ihn abgeben würde, dachte, sagte er: »Danke!« zu den Geistern.
Nachdem er nun Fleisch auf die Seite gebracht, wollte er auch einigen Tran aufbewahren, aber er hatte kein Gefäß, um ihn hineinzutun und so ging er an der Küste auf und ab und suchte einen Seehund. Er war noch nicht weit gegangen, da sah er einen Nörz geschwind herumlaufen und schrie ihn an: »Wem rennst du so schnell nach? Suchst du etwas zu essen?«