Dann ging der Rabe wieder zurück zu den Küstenbewohnern. Als er weggegangen war, ging der Mensch mit seinem Sohn hinunter zum Meer und der Sohn fing einen Seehund, den sie dann mit den Händen umbringen wollten; es gelang nicht, aber schließlich tötete ihn der Sohn mit einem Faustschlag. Dann zog ihm der Vater allein mit den Händen das Fell ab und sie machten Riemen daraus und trockneten sie. Aus diesen Riemen machten sie in den Wäldern Schlingen für die Renntiere. Als sie am nächsten Morgen diese nachsehen gingen, fanden sie die Stricke durchgebissen und die Schlingen weg, denn damals hatten die Renntiere noch scharfe Zähne, wie die Hunde. Der Sohn dachte eine Zeitlang nach und machte dann am Weg der Tiere ein tiefes Loch und hängte, an der Schlinge befestigt, einen schweren Stein hinein und zwar so, daß der Stein, wenn sich ein Tier in der Schlinge fing, ins Loch hinunterrutschen, seinen Nacken herunterziehen und es so festhalten mußte. Als sie am andern Morgen zurückkamen, fanden sie ein Renntier in der Schlinge verwickelt. Sie nahmen es heraus, töteten es und zogen ihm das Fell ab, das sie für ein Bett nach Hause nahmen. Etwas von dem Fleisch brieten sie am Feuer und fanden es ganz genießbar. –
Eines Tages ging der Mensch hinaus, um an der Küste Robben zu jagen. Er sah sehr viele, aber jedesmal, wenn er sich vorsichtig herangeschlichen hatte, krochen sie ins Wasser, bevor er ganz an sie heran konnte. Schließlich war nur noch ein Tier am Strand. Der Mensch schlich sich noch vorsichtiger heran als früher, aber auch dies entkam ihm. Nun stand er auf und ein seltsames Gefühl bewegte seine Brust und Tränen tropften aus seinen Augen ins Gesicht. Er hob seine Hände und fing einige Tropfen auf, um sie anzusehen und er entdeckte, daß sie wie Wasser waren. Ohne daß er es wollte, entrangen sich ihm laute Schreie und Tränen fielen in sein Gesicht, als er heim ging. Als sein Sohn ihn kommen sah, machte er seine Frau und seine Mutter darauf aufmerksam, mit welch seltsamem Lärm der Mensch daherkomme. Als er sie erreicht hatte, waren sie noch mehr erstaunt, Wasser aus seinen Augen rinnen zu sehen. Nachdem er ihnen die Geschichte seiner Enttäuschung erzählt hatte, wurden sie alle vom gleichen fremden Schmerz ergriffen und klagten mit ihm, und so lernten die Menschen zum erstenmal das Weinen. Danach fing dann der Sohn einen anderen Seehund und sie machten noch weitere Renntierfallen aus seiner Haut.
Als diesmal das gefangene Renntier nachhause gebracht wurde, trug der Mensch seinen Leuten auf, einen Knochensplitter von seinem Vorderfuß zu nehmen und in das breite Ende ein Loch zu bohren. In dies steckten sie Renntiersehnen und nähten Felle über ihren Körper, um sich für den Winter warm zu halten. Der Rabe hatte ihnen befohlen, das so zu machen, damit die frischen Renntierfelle auf ihnen trockneten. Dann zeigte der Mensch, wie man Bogen und Pfeile mache und letztere mit Hornspitzen versehe, um damit Renntiere zu erlegen. Hiermit brachte der Sohn auch sein erstes Renntier zur Strecke. Er schnitt es dann auf und legte seinen Speck auf ein Gebüsch und schlief daneben ein. Als er erwachte, hatten die Mücken den Speck ganz aufgefressen. Das ärgerte ihn sehr. Bis dahin hatten die Mücken nie die Menschen gestochen, aber dieser Mensch beschimpfte sie wegen dessen, was sie getan hatten und sagte: »Nie mehr sollt ihr Speck fressen, freßt lieber noch die Menschen.« Und von da an haben die Mücken immer die Menschen gestochen.
Dort wo der erste Mensch gelebt hatte, war jetzt ein großes Dorf entstanden, denn die Menschen taten alles, was der Rabe ihnen gezeigt hatte, und sobald ein Kind geboren war, wurde es mit Schlamm abgerieben und so bewirkt, daß es in drei Tagen erwachsen war. Eines Tages kam nun der Rabe zurück, setzte sich zum Menschen und sie sprachen von vielen Dingen. Der Mensch erkundigte sich beim Raben nach dem Land, das er im Himmel geschaffen. Der Rabe sagte, er habe dort ein sehr gutes Land gemacht und der Mensch bat ihn, er möchte ihn dorthin mitnehmen, damit er es sehe. Der war damit einverstanden und sie machten sich nach dem Himmel auf den Weg und kamen dort auch in kurzer Zeit an. Da war der Mensch in einem wunderbaren Land mit einem viel besseren Klima, als auf Erden. Die Leute, die dort lebten, waren aber sehr klein; wenn sie neben ihm standen, reichten ihre Köpfe ihm nur bis zum Oberschenkel. Während sie hier herumzogen, erblickte der Mensch viel fremde Tiere; auch der Boden war viel besser als der, den er verlassen hatte. Der Rabe erzählte, daß dies Land mit seinen Tieren und Menschen das erste gewesen sei, das er erschaffen habe.
Die Leute, die da lebten, machten schöne Pelzkleider mit eingearbeiteten Mustern, wie sie die Menschen jetzt auch auf Erden tragen, denn der Mensch hat nach seiner Rückkehr den Leuten gezeigt solche Kleider zu machen und die Muster haben sich allenthalben erhalten. Nach einiger Zeit kamen sie an ein großes Haus und traten ein. Ein uralter Mann, der erste, den der Rabe im Himmel geschaffen hatte, kam von seinem Ehrenplatz gegenüber der Haustür herab und bewillkommte sie; er beauftragte jetzt seine Leute, den Gästen aus dem unteren Land, die seine Freunde seien, Speisen zu bringen. Es wurde dann eine Art gesottenen Fleisches, wie es der Mensch vorher nie gesehen hatte, gebracht. Der Rabe belehrte ihn, daß es von Bergschafen und zahmen Renntieren sei. Nachdem der Mensch gegessen hatte, wollte ihm der Rabe noch andere Dinge, die er gemacht hatte, zeigen, warnte ihn aber davor, aus den Seen, an denen sie vorüberkommen würden, zu trinken, denn er habe in sie Tiere gesetzt, die ihn umbringen und zerfleischen würden, wenn er näherkäme.
Auf ihrem Weg kamen sie an ein ausgetrocknetes Teichbett, das dicht mit hohen Gräsern bewachsen war. Auf den Grasspitzen, die sich unter der Last aber gar nicht bogen, lag ein großes, seltsames, sechsbeiniges Tier mit einem langen Kopf. Die beiden Hinterbeine waren ungewöhnlich lang, die vorderen waren kurz und aus dem Bauch ragte ein ganz kurzes Beinpaar hervor. Der ganze Körper des Tieres war mit feinem, dünnem Haar bewachsen, wie die Spitzmaus, nur war es an den Füßen länger. Am Kopf standen zwei kurze, dicke nach rückwärts gebogene Hörner hervor. Die Augen waren klein und die Farbe des Tieres dunkel, schwärzlich.
Danach kamen sie zu einer runden Öffnung im Himmel, um deren Rand kurzes Gras wuchs, das wie Feuer glimmte. Dies war, so sagte der Rabe, ein Stern, Mondhund genannt. Die Spitzen des die Öffnung umrahmenden Grases fehlten und der Rabe erzählte, daß seine Mutter einmal einige, und er den Rest, um auf Erden das erste Feuer zu machen, weggenommen habe. Er fügte noch hinzu, daß er zwar versucht habe diese Grasart auch auf Erden zu schaffen, es sei ihm aber nicht gelungen.
Nun befahl er dem Menschen die Augen zu schließen, er werde dann an einen anderen Ort versetzt werden. Der Rabe nahm ihn auf seine Flügel und ließ sich durch die Öffnung hindurch. Lange glitten sie dahin, bis sie an etwas stießen, das sie in ihrer Bewegung aufhielt. Sie blieben stehen und der Rabe sagte, sie seien jetzt am Meeresgrund. Der Mensch atmete ganz leicht und der Rabe erklärte ihm, daß der Nebelschleier ringsum durch das Wasser hervorgerufen sei; dann sagte er: »Ich werde hier einige neue Tierarten schaffen; du darfst aber nicht herumgehen, leg dich nieder und wenn du müde bist, so dreh dich auf die andere Seite.«
Der Rabe ließ den Menschen nun lange auf einer Seite liegen. Endlich erwachte er dann, fühlte sich sehr müde und wollte sich umdrehen; es gelang ihm aber nicht. Da dachte der Mensch bei sich: »Wenn ich mich doch nur umdrehen könnte!« und im selben Augenblick drehte er sich auch schon ohne Schwierigkeit herum. Wie er das tat, bemerkte er voll Erstaunen, daß sein ganzer Körper mit langen weißen Haaren bedeckt war und seine Finger lange Krallen bekommen hatten; er fiel aber sofort wieder in Schlaf. Noch dreimal erwachte er und schlief dreimal wieder ein. Als er zum viertenmal erwachte, stand der Rabe neben ihm und sagte: »Ich habe dich in einen Eisbär verwandelt; wie gefällt dir das?« Der Mensch wollte antworten, konnte aber keinen Laut von sich geben; da schwang der Rabe seine Zauberflügel über ihm und er antwortete nun, daß es ihm nicht gefalle, denn so müsse er am Meer leben, während sein Sohn am Land leben könne und er werde sich hierbei unglücklich fühlen. Da tat der Rabe einen Flügelschlag und das Bärenfell fiel vom Menschen und blieb leer am Boden liegen, während dieser in seiner natürlichen Gestalt wieder aufstand. Nun nahm der Rabe eine seiner Schwanzfedern und steckte sie als Rückgrat ins Bärenfell, machte einige Flügelschläge darüber und ein Eisbär stand da. Sie gingen dann weiter; seit dieser Zeit aber findet man am zugefrorenen Meer Bären.
Der Rabe fragte den Menschen nun, wie oft er sich umgedreht habe und er antwortete: »Viermal.« »Das waren vier Jahre«, sagte der Rabe, »denn du hast genau vier Jahre lang dort geschlafen.« Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie ein kleines Tier sahen, das einer Spitzmaus ähnelte. Das war ein Wi-lu-gho-yuk. Es gleicht der am Land lebenden Spitzmaus, lebt aber am Meereis. Wenn es einen Menschen sieht, fährt es auf ihn los, kriecht ihm zu den Schuhen hinein und krallt über seinen ganzen Körper. Wenn der Mann ganz still hält, verläßt es ihn wieder und er wird dann ein erfolgreicher Jäger werden. Wenn aber der Mensch, so lang das Tier auf ihm ist, auch nur einen Finger rührt, beißt es sich durch sein Fleisch geradewegs aufs Herz los und tötet ihn so.