Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“

Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt, Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande. Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst, damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und Beschützer ist.“

Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr gekommen.“

Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“

Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der Höhle gehoben hatte.

Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an, molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.

In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.

Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm, Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein, aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er, den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder, und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf gefallen war.

Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend, und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende Axt hineinhält.