Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage, wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.
Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.
Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät, da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann ließ er den Widder gehen.
Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“ Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel, und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem, wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war, daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.
Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus opferte.
Albert Richter
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GRÖSSERES BILD
Nächtliche Fahrt
Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll