Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte zufällig in den Kirchhof hinein und erschrak, als sie ein offenes Grab entdeckte. Da kam ihr der Gedanke, den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, daß sie keine Zeit gehabt hatte, beide Mantelärmel anzuziehen; denn er zog so stark, daß der Mantel an der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte, entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster sah, war, daß er sich, mit dem Mantelfetzen in der Hand, in das offene Grab warf, worauf die Erde von beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.

Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von Mörkaa herauskamen und sie holten, denn ihr war bei alledem so angst geworden, daß sie weder zu gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie konnte sich wohl denken, daß sie hier mit dem Geist des Küsters zu tun hatte, obgleich sie vorher keine Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten von Mörkaa kam, die ihr die ganze Geschichte von dem Tode des Küsters erzählten, während sie ihnen dagegen von ihrem Ritt berichtete.

In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und die Lichter gelöscht waren, kam der Küster und stürmte mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, daß die Leute aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in dieser Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach konnte sie nie allein sein, und jede Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Ja, einige sagen sogar, daß der Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und im Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein Zauberer westlich vom Skagefjord geholt. Als er kam, ließ er einen großen Stein, der oberhalb des Heimackers lag, ausgraben und ihn an den Giebel des Schlafhauses wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, kam der Küster und wollte in das Haus hinein, der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel, zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die Erde und wälzte dann den Stein über ihn; und dort soll der Küster heute noch liegen.

Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, und Gudrun erholte sich wieder. Etwas später zog sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, daß sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen war.

Fußnoten:

[4] Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«, Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält, aussprechen.

[5] Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die Kirche gebracht werden.

Sigurd und das Gespenst

Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn hatte, der Sigurd hieß. Allen Leuten kam es so vor, als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; wenig beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, daß kein Auskommen mit ihm war.

Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen Sigurd, der den Bauern bat, den Winter über dort bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu erhielt. Der Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so gute Freunde, daß der Bauernsohn sich nicht gern woanders aufhielt als bei dem Fremden.