Gudmund sah bald ein, daß er nicht mehr als die Hälfte der Kräfte des Alten hatte; daher wehrte er sich nur, griff aber nicht an. Der Alte wollte ihn nach dem Grabe drängen, und Gudmund ließ sich von ihm treiben; als sie ihn aber erreicht hatten, sprang Gudmund hinüber und wippte den Alten kopfüber hinein. Sogleich kamen Sigrid und die beiden Brüder, mit denen Gudmund zuvor gerungen hatte, und baten ihn, ihrem Vater das Leben zu schenken. Er aber versprach, es zu tun, wenn sie ihm von nun an keinen Schaden zufügen wollten. Das versprach der Alte hoch und heilig. Er wurde dann heraufgezogen, und nun dankte er Gudmund für sein Leben und lud ihn ein, hereinzukommen, sagte aber, daß er nicht wissen könne, wie sich seine Söhne mit diesem Ausgang der Sache abfinden würden, wenn sie nach Hause kämen. Dann wurde Gudmund als Gast bewirtet, abends aber in eine Kammer eingeschlossen. Darauf kamen die älteren Brüder nach Hause und fragten, ob Gudmund in dem Grabe zu Gaste wäre. Der Alte erzählte, wie alles zugegangen war. Darüber aber wurden sie rasend und wollten die Kammertür aufbrechen. Der Alte ging dann vor die Tür und sagte, daß sie ihn zuerst töten müßten, wenn sie das Gastrecht brechen und Gudmund umbringen wollten. Hierauf besänftigten sie sich und gingen zu Bett.

Am nächsten Morgen stellte ihnen der Alte Gudmund vor und gebot ihnen, ihm nichts Böses anzutun. Gudmund blieb den Winter über dort; ihm gefiel Sigrid, denn sie war eine schöne Magd und dazu stattlich von Wuchs und so stark, daß sie sich mit all ihren Brüdern messen konnte. Sie und Gudmund wurden gute Freunde.

Im Frühjahr sehnte er sich nach Hause, und Sigrid, die ein Kind erwartete, wollte ihn begleiten; der Alte versuchte nicht, sie davon abzuhalten, und Gudmund zog nun mit ihr davon und machte nicht Rast, bis er nach Mällifellsaa gekommen war, wo alle erfreut waren, ihn wiederzusehen, den sie längst tot und verschollen geglaubt hatten. Er heiratete Sigrid, und sie wohnten lange auf Mällifellsaa, und sie wurde für eine ausgezeichnete und hochgesinnte Frau gehalten.

Nach ihrem Fortgang und dem Tode ihres Vaters fanden die Brüder den Aufenthalt droben in der Wildnis öde und langweilig, und darum zogen sie gleichfalls mit ihrem ganzen Eigentum nach bewohnten Gegenden. Ein paar von ihnen wurden Bauern im Skagefjord, und alle genossen sie Ansehen als tüchtige und brave Männer.

Fußnoten:

[6] Eine Eigentümlichkeit Islands. Ursprünglich Verbrecher, die, um dem Arm des Gesetzes zu entgehen, in die Wildnis geflüchtet waren, und die mit Weib und Abkommen eine von der übrigen Welt abgesonderte und gefürchtete Klasse bildeten.

Der Südfahrer-Asmund

Ein Mann hieß Asmund. Sein Geschlecht stammte aus dem Skagefjord. Ein flinker Mann war er und tüchtig zu jeder Arbeit, und zur Zeit dieser Erzählung war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Jeden Winter zog Asmund südwärts, wie er zu tun pflegte, und seine Genossen folgten ihm. Sie verbrachten die Nacht auf Melar im Hrutafjord, von wo aus sie am nächsten Morgen nach der Heide hinaufzureiten gedachten. In der Nacht aber verfiel Asmund in eine schwere Krankheit, und seine Begleiter warteten den Tag über auf ihn. Asmund sagte, daß sie weiter ziehen sollten, er würde schon nachkommen. Da zogen sie fort, Asmund aber blieb zurück.

Am folgenden Tage war Asmund wieder vollkommen gesund, und darum brach er auf. Es war schönes Wetter; als er aber nach Süden kam und mitten auf der Heide war, erhob sich ein starkes Schneetreiben, und Asmund sah nicht, wo er ritt. Er verlor den Weg, und als er das merkte, nahm er die Bündel von seinen Pferden und grub sich in eine Schneewehe ein und benutzte seine Bündel als Tür für die Schneehütte. Die Pferde koppelte er zusammen. Dann ging er in die Schneehütte, in die er an der Leeseite ein Loch gegraben hatte, um nach dem Wetter auslugen zu können. Sodann holte er seine Reisekost hervor und fing an zu essen. Aber gerade als er seine Mahlzeit begonnen hatte, kam ein torfbrauner Hund an das Loch in der Schneehütte und grub sich hindurch. Der Hund sah sehr bissig und wütig aus, wurde aber bei jedem Bissen, den Asmund schluckte, noch grimmiger. Der Hund begann, Asmund zu mißfallen, und dieser holte einen Keulenknochen von einem sehr großen Schaf hervor und gab ihn ihm. Der Hund nahm den Knochen und lief sofort hinaus mit ihm. Nach einem Weilchen aber kam ein hochgewachsener, ältlicher Mann an die Tür der Schneehütte. Er sprach Asmund an und dankte ihm für sein Hündchen.

»Oder bist du nicht der Südfahrer-Asmund?« fragte der Fremde. »So nennt man mich,« antwortete Asmund. »Ich gebe dir auf, zwischen zwei Dingen zu wählen,« sagte der Mann, »entweder folgst du mir, oder das Unwetter beruhigt sich nicht, bevor du tot bist. Denn das sollst du wissen, daß ich es bin, der das Unwetter heraufbeschworen hat, und ich bin daran schuld, daß du krank geworden bist, denn ich wollte mit dir sprechen, weil ich keinen tüchtigeren und mutigeren Mann kenne als dich.« Asmund wurde es heiß um die Ohren, und er begriff, daß hier nur eins zu tun war, ob es ihm recht war oder nicht. Er sagte dann, daß er lieber mit ihm ziehen als sein Leben in der Schneewehe lassen wollte.