[ Der kluge Hase.]

ines schönen Tages schwamm der Fischkönig[1] in seinem Reiche wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne erhellte das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er plötzlich vor sich einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er gerade einen kleinen Hunger verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu, schnappte nach ihm und — ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen Körper, denn er saß an einer Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibärzte rufen ließ. Als diese am Bette des Fischkönigs standen, erzählte er ihnen sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich gelungen sei, sich durch Zerreißen der Angelschnur zu befreien und sich davor zu bewahren, daß sein königlicher Leib gewöhnlichen Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise diene.

„Aber der verdammte Haken,“ schloß er seine Erzählung, „der sitzt hier fest im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich belohnen.“ Da standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs und beratschlagten, was zu tun sei.

Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen Ehren versehen und reich belohnen.

Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten, vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft, aber sie schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches entferne.

Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten, erschien er gut.

Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der König entschied: „Wer ein Hilfsmittel vorschlägt, hat auch für ein solches zu sorgen; geh also Schildkröte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in meinem Reiche nicht mehr blicken lassen!“

„Gut!“ sagte die Schildkröte, „ich werde Euch einen Hasen herbeischaffen, die Augen müßt ihr Ärzte selbst ihm nehmen und mir gestatten mich zu entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!“