Des waren alle zufrieden und die Schildkröte machte sich auf den Weg und freute sich schon auf die großen Ehren und Geschenke, die ihr zuteil werden würden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Königs Schloß zu bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte einem Hügel zu, auf dem, wie sie wußte, ein Hase sich niedergelassen hatte. Sie hatte Glück; denn als sie mühsam den Hügel erklettert hatte, sah sie den Hasen gerade beim Frühstück sitzen; er hatte einen prachtvollen Krautkopf vor sich, an dem er knabberte. Als der Hase das Geräusch der sich nähernden Schildkröte hörte, ließ er erschreckt den Krautkopf fallen und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, um zu sehen, wer da komme. Da er aber sah, daß es nur die Schildkröte war, beruhigte er sich und begrüßte sie. „Was verschafft mir denn die Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau Schildkröte?“ fragte er.

„Nichts Besonderes, Herr Lampe!“ antwortete die Schildkröte, vom Klettern noch ganz atemlos. „Man hat im Reiche des Fischkönigs die wunderschöne Aussicht gerühmt, die man von hier haben soll, und so bin ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet doch, daß ich mich ein wenig umschaue!“

„Bitte, bitte!“ erwiderte der Hase.

Die Schildkröte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten, schaute nach rechts und schaute nach links, machte auch einige Schritte bald nach dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie alles sorgfältig betrachtete, dann meinte sie: „So etwas besonders Schönes kann ich nicht sehen, da hat man diese Gegend mehr gerühmt als sie wert ist!“

„Ja, Frau Schildkröte,“ entgegnete der Hase, „auf dieser Seite des Hügels gibt es nichts Besonderes zu sehen, da müßt Ihr Euch schon auf die andre Seite bemühen! Kommt, ich will Euch führen!“

„Was gibt es denn auf der andern Seite des Hügels?“

„Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden, aber auf der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rübenfelder, so saftig, so delikat, eine wahre Wonne!“ rief der Hase.

Die Schildkröte lachte und meinte: „Ihr seht die Sache mit dem Magen anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust, Kraut- und Rübenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des Fischkönigs, da gibt es alles Gute und Schöne, prachtvolle, kühle Wälder, herrliche Wiesen, Täler, Höhen und Felder, auf denen die Krautköpfe viel größer und saftiger sind als hier auf der trockenen Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine Mühe und Anstrengung. Hier mußte ich um zu Euch zu gelangen, mühsam klettern, so daß ich fast den Atem verlor, während mich das Wasser überall hinträgt, wohin ich will. Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da gibt es keine Menschen und keine Jäger! Nein, wißt Ihr Herr Hase, Eure ganze schöne Gegend und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich lobe mir mein Reich und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg machen!“

„Hm, Hm!“ machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. „Hört mal, Frau Schildkröte, Ihr habt mir Eure Gegend so schön geschildert, daß ich wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es nicht, denn in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht leben. Könntet Ihr mir nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich mal schicken oder mitbringen?“

„Das geht leider nicht!“ entgegnete die listige Schildkröte, die bemerkte, daß der Hase Lust hatte in das Reich des Fischkönigs mitzukommen. „Unsere Krautköpfe sind so groß, daß ich auch nicht einen tragen kann. Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei Umstände machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles gleich, das ist alles nur Gewohnheit!“