Von W. C. Pfau, Rochlitz

Mit Abbildungen nach Aufnahmen von Rud. Zimmermann

Im Rochlitzer Berg besitzt unser Sachsenland ein höchst bemerkenswertes Naturdenkmal, dessen Schönheit Sommer und Winter Tausende von schaulustigen Wandersleuten anlockt. Fruchtbare Felder und grünende Wiesen überziehen zum großen Teil die leichtgeneigten Abhänge; die waldgekrönte Kuppe hingegen ist durch mächtige Steinbrüche mit glatten, senkrecht aufsteigenden, im Laufe von Jahrhunderten bis über dreißig Meter aus dem Felsenboden mühsam herausgeschrotenen Wänden, in deren Nähe sich gewaltige, oft unter Holzbestand oder unter Moos- und Grasdecken verborgene Schutthalden auftürmen, zerrissen und zerklüftet. Hier an diesen einsamen Arbeitsstätten gewinnt man seit undenklichen Zeiten einen aus vulkanischer Asche entstandenen Porphyrtuff, dessen rote, von zahllosen Adern durchzogene Grundfärbung mitunter in Gelb, Violett, Bronzebraun ausklingt; es gewährt einen ungemein malerischen Anblick, wenn grelle Sonnenstrahlen bei blauem Himmel jene mit frischem Grün oder mit leuchtenden, weißen Schneeleisten belebten roten Felsgebilde feurig erglühen lassen. In seinem Farbengepräge steht der »Rochlitzer Sandstein« zum mindesten für ganz Mitteldeutschland einzig da; als ebenso eigenartig erscheint die Geschichte des zugehörigen Berges und seines Steinmetzentums.

Wann an dieser Stelle der erste Stein gesucht und verarbeitet wurde, werden wir nie genau anzugeben vermögen; sicher geschah es zu einer Zeit, als sich dort noch Meister Petz behäbig herumtrollte, als das Röhren des grimmen Schelches, das Heulen gieriger Wolfsrudel, das Gebrüll des ungeschlachten Urs schauerlich durch den dichten Forst schallte, als der tückische Luchs in dem knorrigen Geäst vielhundertjähriger Eichen nach Raub äugte und der reckenhafte Ureinwohner mit Keule und Steinaxt den offenen Kampf mit den angestammten Herren der Jagdgründe aufnahm oder aus sicherem Hinterhalt auf das flüchtige Wild den todbringenden, mit Feuersteinspitze bewehrten Pfeil abschnellte. Nach Ausweis neuerdings gemachter einschlägiger Funde war der Rochlitzer Berg bereits in urgeschichtlicher Zeit, lange bevor die Welt etwas vom Christentum wußte, ein vielbesuchter Ort. Beile, Pfeilspitzen aus Stein, geschlagene Steinspäne und dazugehörige Kernstücke, Urnenscherben u. a. wurden wiederholt auf dem Berg, zumal auf den Feldern in der Nähe der Waldessäume nachgewiesen. In der Bronzezeit, etwa ein Jahrtausend vor des Erlösers Geburt, verarbeiteten unsere heidnischen Vorfahren den dortigen »Porphyr« bereits zu schönen Getreidemahlsteinen, die in der weiteren Umgebung Absatz fanden. Ein reger Verkehr wegen verschiedenen gesuchten Steinmaterials muß sich schon damals in diesem Muldenstrich entwickelt haben. Man holte auch Garbenschiefer, der ebenfalls am Rochlitzer Berg vorkommt, zu Steinsetzungen zu entlegeneren Gräbern, und der sogenannte Gnandsteiner Bandjaspis, welcher nur in der Kohrener Gegend ansteht, läßt sich auf prähistorischen Fundstellen über Rochlitz, Wechselburg hinaus bis in die Pflegen von Colditz, Waldheim, Ringethal als Artefakt ziemlich oft feststellen. Auch die Wenden trieben ihr Wesen auf dem Rochlitzer Berg; darauf deuten nicht nur die eigenartigen, wellenverzierten Urnenscherben, die am Wald gefunden werden, sondern auch überkommene, ihm anhaftende Flurnamen wie Mo(ko)rellenbruch, Bile, Wälsche usw. Die am Wald gelegenen Dörfer tragen sämtlich wendische Namen.

Bei dieser Sachlage ist es nicht zu verwundern, daß die Deutschen seit der Kolonisation den roten Stein ständig und eifrig abbauten, in ergiebigster Weise benutzten und schließlich immer weiter verhandelten. Die Wenden kannten den Kalk noch nicht, waren deshalb unfähig, im steineren Hochbau etwas Besonderes zu leisten. Den Rochlitzer Porphyr gebrauchten sie wohl vorwiegend oder ausschließlich zu Mahlsteinen; Beile, Hämmer und andere Gebrauchsgegenstände aus dem Material sind bisher noch nicht nachgewiesen worden. Der Name des am Berg gelegenen Dorfes Sörnzig wird von manchen Slawisten als »Ort der Steinhauer« gedeutet. Im Anschluß an die vorgefundene Industrie stellten die eingewanderten Steinmetzen nun vor allen Dingen Mühlsteine her, die weit ins Land versandt wurden. Ein Rochlitzer Bruch heißt von altersher »Mühlsteinbruch«. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts wurden sechs, später zehn Brüche bewirtschaftet. Durch die Deutschen erlangte der Steinbruchbetrieb auf dem Berg bald eine außerordentliche Bedeutung, zumal für das Bauwesen. Von romanischer Zeit ab ist im Rochlitzer Porphyr eine Unmenge von Hochbauten Mittelwestsachsens und anliegender Gebiete entstanden, hat man ihn zu unendlich vielen Architekturteilen und beweglichen Gegenständen wie Kanzeln, Altartischen, Grabplatten, Taufsteinen, Weihwasserbecken, Postsäulen, Gemeindesteinen, Gartensäulen, Brunnen, Brüstungen, Stufen, Bänken, Einfassungen, Grenzsteinen, Wegweisern, Mordkreuzen, Erinnerungstafeln, Gewichten, Normalscheffeln, Geschützkugeln, Schandflaschen, Prangersäulen, Trögen, Krippen, Ofentüren u. v. a. m. verarbeitet. Nicht wenige dieser Altertümer sind tadellos auf uns gekommen; viele Kirchen und manche Schlösser überliefern uns romanischen oder gotischen Baubestand in Rochlitzer Stein in vorzüglicher Erhaltung. Der älteste Zweig des deutschen Steinbetriebes, die Herstellung von Mühlsteinen, ist seit etwa achtzig Jahren ganz eingegangen; an den Schutthalden des Mühlsteinbruches liegen aber heutzutage noch viele angefangene oder halbfertige Erzeugnisse dieser Art, die, zum Teil in das Erdreich eingesunken, zum Teil vom Abraum überschüttet, unter Farren und Gestrüpp von jenen vergangenen Zeiten, die an den Gewerbefleiß jetzt vergessene Anforderungen stellten, träumen.

Abb. 1 Rochlitzer Porphyrbruch mit dem Friedrich-August-Turm

Über die mittelalterlichen Meister, die ihre Werke in Rochlitzer Stein schufen, wissen wir äußerst wenig; wir kennen höchstens ihre Zeichen, die sie aufschlugen. Die ältesten Marken dieser Art, wohl die frühesten in ganz Sachsen, kommen im romanischen Bestand des Rochlitzer Schlosses und an gleichaltrigen, jüngst aufgefundenen Werkstücken in Geithain vor. Nach den Ergebnissen der Zeichenforschung, zum Teil auch nach der Ortsbezeichnung, welche die ältesten Steinmetzen regelmäßig ihren Namen zusetzten, ist eine große Freizügigkeit unter den Werkleuten früherer Jahrhunderte anzunehmen. Sie zogen der Baugelegenheit nach, und deshalb kamen viele Auswärtige in die Rochlitzer Pflege. Die Brüche bildeten ursprünglich den Besitz von mindergebildeten Steinhauern, Steinbrechern. Auch der vielgenannte Arnold von Westfalen (Westfahl, Bestveling) hat zweifellos innige Beziehungen zum Rochlitzer Steinmetzentum unterhalten, wenn er auch schwerlich die ihm für diese Gegend zugeschriebenen Werke ausgeführt haben kann; wahrscheinlich entstammte er der vorübergehend um 1415, d. h. zur Zeit, als der Chor der Kunigundenkirche geschaffen wurde, für Rochlitz nachweisbaren Familie Westfahl, von welcher zwei Glieder in Leipzig studierten. Nach seiner Anstellungsurkunde von 1471 wurde Arnold Westfal in kursächsische Dienste als »Baumeister«, d. h. Bauschreiber im Sinne des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, nicht aber als Werkmeister, d. h. ausführender Architekt, aufgenommen. In der Renaissancezeit war besonders der berühmte Leipziger Werkmeister H. Lotter ein warmer Freund des Rochlitzer Porphyrs, den er vor allem an seinen Hauptwerken, der Pleißenburg und dem Rathaus seiner Vaterstadt, sowie dem Bau auf dem Schellenberg, der Augustusburg, in ausgiebigster Weise verwendete. Damals zählten zu den Rochlitzer Steinmetzen verschiedene Meister, die kurz vorher in Erfurt nachweisbar sind.

Die ungemein vielseitige Verwertung des »Rochlitzer Sandsteins« und sein Versand seit ältester deutscher Zeit wäre in romanischen Tagen ohne geeignete Fahrwege auf dem Rochlitzer Berg kaum denkbar gewesen, denn sehr oft mußten Steinstücke von zwanzig bis dreißig Zentner (z. B. Grabplatten) weit verschickt werden. Sicher hat sich ein guter Teil der dortigen Fahrstraßen, die jetzt einen so sauberen, angenehmen Anblick gewähren, schon in vordeutscher Zeit vorgezeichnet, wennschon von einem durchgreifenden Wegbau erst seit 1703 in den Akten die Rede ist; er wurde von den Steinmetzen ausgeführt.

Was dem Rochlitzer Steinmetzentum einen besonderen Platz in der Geschichte der deutschen Baukunst, des Bauhüttenwesens verschafft und gesichert hat, ist der Umstand, daß die jetzt im Museum des Rochlitzer Geschichtsvereins in der Schloßkapelle verwahrte Lade der Innung die »Rochlitzer Hüttenordnung« rettete. Dieses Schriftstück berichtet die Abmachungen, welche mitteldeutsche Steinmetzen 1462 auf einem Torgauer Tag zugunsten ihres Handwerks für ihr Gebiet getroffen hatten. Das überlieferte Büchlein ist für die Zwickauer Hütte 1486 geschrieben und befand sich zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Besitz des bekannten kursächsischen Baumeisters Hans Stecher, der 1637 in Torgau starb, vermutlich aber aus einer Werkmeisterfamilie der Rochlitzer Pflege hervorgegangen war, wo z. B. ein Maurermeister Thomas Stecher bereits um 1600 nachweisbar ist. Der Sohn des Landbaumeisters H. Stecher, Christian, schenkte das Schriftstück fünfzehn Jahr nach des Vaters Tod, also 1652, einem Rochlitzer Steinmetzen, der es dann in die Innungslade legte, die von der Urkunde auch noch eine allerdings ziemlich fehlerhafte Abschrift, welche 1653 der Steinmetz Hans von Rhein besorgt hatte, enthält. Die Rochlitzer Hüttenordnung stellt jetzt die einzige schriftlich erhaltene mittelalterliche Hüttenordnung Deutschlands dar, wenn man darunter ein Schriftstück, das ausschließlich das Gewerbe der Steinmetzen, nicht aber auch dasjenige von Mischzünften behandelt, versteht; besonders wichtig ist sie durch den Umstand, daß sie allein Bestimmungen über Steinmetzzeichen bringt. Über die Eigenart des Schriftstückes herrschten lange ganz falsche, romantische Vorstellungen, die hauptsächlich durch Stieglitz und Heideloff, welche es – freilich höchst nachlässig und ziemlich verständnislos – herausgaben und besprachen, erzeugt worden waren; es sollte die Verfassung einer eigenen »Rochlitzer Hütte«, welche aber jedenfalls im Mittelalter überhaupt nicht bestand und bei den Bruch- und Bauverhältnissen, die sich erst später völlig änderten, schwerlich bestehen konnte, bilden.