Abb. 2 Rochlitzer Steinbruch im Winter
(Im Hintergrund der Friedrich-August-Turm)

Heutzutage verwendet man den Rochlitzer Stein nicht nur in seiner Heimat; vielmehr wird er weit über die sächsischen Grenzen hinaus verschickt. Man trifft Werke aus ihm, besonders im Luxusbau, in Hamburg und Berlin ebensogut wie in Dresden oder Leipzig. Mindestens sechs Jahrhunderte lang hat er den Bauten Mittelwestsachsens und anliegender Striche seinen Stempel aufgedrückt und herrscht hier bis zu einem gewissen Grade noch jetzt vor, wodurch das hiesige Bauwesen ein ganz besonderes Gepräge erhalten hat. Wenn unsere Heimatpflege das gediegene Bodenständige vor dem Untergang bewahren und in seinem angestammten Recht schützen will, so dürfte sie sich wohl auch kaum der Pflicht entziehen können, auf den Wert des Rochlitzer Steins besonders für dessen Heimat in baulichen Dingen mit Nachdruck hinzuweisen. Der sächsische Verein für kirchliche Kunst schlägt den Stein dankenswerterweise mit für Grabdenkmäler vor. Welche stimmungsvolle Ruhe müssen früher die Friedhöfe der Rochlitzer Gegend geatmet haben, als unter den grünen Totenbäumen fast nur die einfach würdigen Grabplatten aus dem roten Porphyr mit ihren monumentalen Schriften und Bildern lagerten! Die Herstellung dieser Denkmäler spielt in der Innungsgeschichte der Rochlitzer Steinmetzerei eine wichtige Rolle. In welchen Mengen sie ehemals vorhanden waren, läßt sich schon an dem alten Rochlitzer Kirchhof ablesen, der nicht nur zahlreiche gut erhaltene Werke dieser Art noch erhält, sondern auch unendlich viele Bruchstücke derselben bewahrt, mit denen z. B. die langen Umfassungsmauern des geweihten Geländes belegt sind. Der Rochlitzer Grabstein bildet in nicht wenig anderen Ortschaften Sachsens ein häufig vorkommendes Altertum. Wie zerfahren, unruhig, jeder einheitlichen Stimmung bar wirken heutzutage leider so viele Friedhöfe der genannten Pflege, wo sich eine Unzahl erbärmlich schablonenhafter Denkmäler mit ihrem gleißenden, glitzernden, schreienden Wesen, in ihrem fremden, nicht selten unechten Material, in ihrer Protzenhaftigkeit auf der Ruhestätte heimgegangener Erdenpilger aufdringlich breitmachen, den feierlichen Frieden des Gottesackers schmählich stören, bannen und letzteren zu einer Art Musterlager bildhauerischer Geschmacklosigkeiten und Ungefühls entweihen! Welche Hoheit, welch künstlerischer Adel prägt sich hingegen z. B. auf dem Wechselburger in Rochlitzer Stein gehaltenen, aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stammenden Grabdenkmal für Graf Dedo († 1190) und seine Familie aus! Wie ruhig, edel wirkt die früheste erhaltene Grabplatte des Rochlitzer Friedhofs, die aus der Zeit um 1280 herrührt und ehedem die Gebeine eines Herrn von Heldrungen, dessen Wappen in ungemein wirkungsvollen Formen der Stein vorführt, deckte!

Abb. 3 Aus den Rochlitzer Steinbrüchen: Mühlsteine

Nach dem kunstfeindlichen Dreißigjährigen Kriege offenbarte sich auch auf dem Gebiet der Rochlitzer Grabplatten ein allmählich fühlbarer Verfall; die Arbeiten wurden zuweilen noch weniger als handwerksmäßig, fast roh. 1642 gab es nur noch zwei Steinmetzen in Rochlitz; ihre Zahl wuchs erst langsam wieder. An Stelle der ehemaligen inneren Tüchtigkeit dieser Werkleute äußerte sich bald immer mehr eine Vorliebe für unwichtige Nebensächlichkeiten und Äußerlichkeiten, obschon die Rochlitzer Steinmetzen damals manchen Versuch machten, sich über den gewöhnlichen Tiefstand städtischer Zünfte, auf die sie stolz herabblickten, zu erheben. So unterhielten sie zunächst Beziehungen zur Dresdner Haupthütte, welche aber von der Straßburger, die vormals als alleinige Herrscherin für Deutschland galt, nicht anerkannt wurde, weshalb sich die Rochlitzer 1725 unmittelbar unter Straßburg stellten und nun von dort das Haupthüttengesetz, das sogenannte Bruderbuch von 1563, und die kaiserliche, auf Pergament geschriebene Bestätigung von 1621 ausgefertigt erhielten. Ihre Verpflichtungen gegenüber der alten Reichsstadt haben sie freilich offensichtlich nie erfüllt, wenngleich sie überkommene Hüttenbräuche hinsichtlich des Zeichengebens, Ausweises, Gerichts usf. lange liebevoll weiter pflegten; seit etwa 1680 bildeten sie für sich eine Innung, deren innere Geschichte kaum wesentlich von derjenigen anderer Zünfte abweicht.

Abb. 4 Denkmal auf der Königshöhe, Rochlitzer Berg

Um den Rochlitzer Berg erwarben sich dessen Werkleute in neuerer Zeit ein ganz besonderes Verdienst dadurch, daß sie ihn dem Fremdenverkehr erschlossen; in dieser Beziehung hat sich vor allem ein schlichter Mann hervorgetan, der Steinmetz Christian Gottlob Seidel, der 1807 als Sproß einer seit 1704 in Rochlitz nachweisbaren Steinmetzfamilie Meister ward. Ein eigenes Geschick wollte es, daß der für Sachsen so unglückliche Napoleonsche Krieg vor hundert Jahren Seidel den Anlaß zu seinen gemeinnützigen Bestrebungen gab. Bis zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hört man gar nichts, daß die Schönheit des Rochlitzer Berges irgendwie gewürdigt worden wäre, daß sie Wandrer angezogen hätte. Da errichtete Seidel zur Erinnerung an die 1815 erfolgte Rückkehr Königs Friedrich August aus der Gefangenschaft ein schlichtes Denkmal auf einer Erhöhung des Rochlitzer Berges, der Königshöhe, und daneben eine Unterkunftshütte für Fremde, deren Eröffnung im Juni 1817 stattfand. Der Verkehr, der sich nun auf dem Rochlitzer Berg entwickelte, gestaltete sich zweifellos bald als ganz bedeutend, wie sich aus den Einzeichnungen des Fremdenbuchs der Hütte, der sogenannten »Einsiedelei«, ergibt. An eine Verpflegung der Reisenden war damals auf dem Berg noch nicht zu denken; die einzige Erfrischung, die man unter günstigen Umständen erlangen konnte, bestand in kärglichem Butterbrot und Schnaps, welche Labung gutherzige Steinmetzen im Notfall von ihrem Imbiß abließen. Die Wandrer waren sehr bescheiden, begnügten sich mit dem, was sie suchten, prächtige Naturschönheit und lohnende Fernsicht, und waren des Lobes voll für Seidel, dessen Unterkunftshütte ihnen Schutz und Schirm gegen alle Unbill des Wetters gewährte. Dies sprachen sie oft genug im Fremdenbuch aus, dessen in den verschiedensten Sprachen bewirkte Einträge die eigenartigen Vorzüge des Rochlitzer Waldes nicht selten mit rührenden, mitunter geradezu in überschwänglichen Worten verherrlichen.

Das nach Ausweis einer Inschrift auf dem etwa einen halben Meter hohen Sockel mit Hilfe von »Fünf Sammlern aus Plauen« zustande gekommene, jetzt hundertjährige Denkmal besteht durchweg aus Porphyrtuff und ist im antikisierenden Stil gehalten. Einen höchst anziehenden, malerischen Anblick gewährt die in der Nähe befindliche »Einsiedelei«, die zu den ältesten erhaltenen Schutzhütten des Landes zählt, wenn sie nicht gar die älteste ist. Bei Errichtung derselben verband Seidel zwei von Tannen bestandene, abgeschrotene Felswände durch Mauerwerk, welchem er durch eingesetzte gotisierende Fenster, durch Gesimse, durch Bekrönung mit zwei einer Kirche entstammenden Figuren usw. ein etwas phantastisches, an eine Kapelle erinnerndes Ansehen verlieh, und schuf somit die noch jetzt ziemlich gut erhaltene Vorderseite des Anwesens, an welche er den teilweise in einen alten Schutthaufen eingebetteten, mit zwei Gemächern versehenen Hinterbau anlehnte. Die Wände bestanden in der Hauptsache aus gewachsenem Felsen, aber auch aus Mauerwerk. Um gesteigerten Reiseanforderungen zu genügen, legte der Meister schließlich der Hütte gegenüber einen Pferdeschuppen an.