Froh bin ich schon, wie ich in Rittersgrün die glühende Talstraße verlassen darf und nun den Höhenweg hinanklimme, der mich durch schönen Waldbestand, in dem die Edeltanne häufig auftritt, hinüber nach Breitenbrunn führt. Im kleinen Dorfkirchlein dort darf ich ein wenig rasten und dem Ticken des Pendelwerks lauschen, das wie ein großer Herzschlag durch die Stille rauscht. Hinter dem Altar lehnen Klingelbeutel und Lichtlöschhütchen, auf der Platte stehen zwei weibliche Figuren mit gotischen Hüftverrenkungen. An dieser Stätte fand einst ein stürmisches Leben Ruhe und Frieden. Der Pfarrer Wolff Ulle aus Elterlein, der in jungen Jahren als Pfarrherr von Clausnitz den dortigen Dorfrichter erschlug im aufwallenden Zorn, konnte in Breitenbrunn nach langer Bußzeit im Elend und nach treuer Bewährung als Pestprediger zu Annaberg noch fast ein Menschenalter in der Stille amtieren, bis ihn am Altar der Tod ereilte.
Weiter geht es durch Wälderblau und Loheduft, bis hoch auf dem Berg mir der Kirchturm von Johanngeorgenstadt winkt, hinaufzukommen und Einkehr zu halten in einer Stadt, die durch ihre Entstehungsgeschichte zu den beachtenswertesten im Lande gehört. Mühselig wandre ich die endlose Berglehne hinan, durch nüchterne Gassen aus den letzten Jahrzehnten, in die vom nahen Böhmen herüber der Plattenberg grüßt.
Abb. 8 Scheibenberg
Hofphotograph Meiche, Annaberg
Ja, von dorther sind sie gekommen, die Gründer von Johanngeorgenstadt. Immer waren die Plattener Bürger und Bergleute dem lutherischen Glauben treu zugetan. Schon der alte Matthesius hielt große Stücke auf sie. Aber in den Landen des Kaisers sah man scheel nach ihnen. Schon nach der Schlacht am Weißen Berge ward ihr Pfarrer gezwungen, ins Exil zu gehen, und auch der Osnabrücker Frieden brachte nicht die erhoffte Glaubensfreiheit. Ein katholischer Priester ward nach Platten gesetzt; was blieb den Bedrängten übrig, als Hilfe auf sächsischer Seite zu suchen? Zur Nachtzeit kamen sie dort in der Jugler Glashütte zusammen, und der Eibenstocker Pfarrer versah sie mit dem heiligen Mahl. – Immer erbitterter ward man in der kaiserlichen Regierung auf die Ketzer. Im Oktober 1653 endlich erschien ein Patent, daß sie »als Meineidige, Treulose, Ehr- und Pflichtvergessene um ihres kontinuierlichen Ungehorsames willen aus Kayserlicher Majestät Enden bannisiert seien«. Da galt es denn, der lieben Heimat Valet ansagen. Seit einiger Zeit schon hatte sich der Blick der Bedrängten auf den Fastenberg über der Grenze geheftet. Eine wilde und rauhe Waldhöhe, auf der aber schon zwei alte Berghäuslein im Gang waren, und wo man wohl auf weiteren Bergsegen hoffen durfte. »Das mag mir ein rechter Fastenberg sein,« soll einst eine sächsische Kurfürstin ausgerufen haben, als bei einem Jagen hier oben der Küchenwagen nicht nachkommen konnte. Das Hungerland nannten die Papisten hinter dem Grenzwasser spottend die Gegend und selbst der erste Lehrer der Exulanten schreibt: »Der Berg war nichts als dicker Wald, da die Bären brummeten, die Hirsche brüllten, die Wölfe heuleten und die Füchse belleten.« – Bei Nacht und Nebel brach man auf, immer in Sorge, daß kaiserliche Häscher einem auch noch die spärlichen Habseligkeiten abnehmen möchten. »Da war traun das Lachen theuer« schreibt der Lehrer, »ein rauschend Blatt erschreckte Euch des Nachts, immer gewärtig, die Ketten rasseln zu hören.« – Unverzüglich ging eine Petition an Johann Georg I. ab, er möge den Plattnern erlauben, auf dem Fastenberg eine Stadt zu gründen mit den Rechten einer freien Bergstadt. »So haben wir Berg- und Handwerksleute von der Platten, welche die papistische Religion nicht annehmen können, vollends unsre armen Hüttlein verlassen und in das liebe Exilium uns begeben müssen« heißt es gar wehmütig in der Bittschrift. Um ein Stück Land für Haus und Hof gegen mäßigen Erbzins für jeden Ansiedler, vor allem aber um Errichtung einer Kirche, Schule und Pfarre ward darin nachgesucht. »Dieweil unsre armen Seelen, so lange in Mangel gestanden, hertzlich darnach seuffzen.« Am 23. Februar 1654 war die Antwort des Landesherrn aus Schloß Annaburg da: Alles wurde bewilligt; »das Städtlein aber soll Johann Georgens Stadt hinfür genannt werden.«
So brach denn der erste Sonnenstrahl durch das graue Sorgengewölk. Nun ging doch in Erfüllung, was ihnen der treue Lehrer so oft vorgesprochen:
»Ach lieben Christen habt Geduld
Ob’s euch schon hoch thut schmerzen
daß ihr ohn’ alle eure Schuld
Alles habt müss’n verschertzen.«