Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne entgegen. Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter Kirchturm mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die Basaltkuppen des Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und der Scheibenberg; zur Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer Seite. Ein still verklärtes Wandern ist das im kristallenen Licht des Spätnachmittags! Nicht stürmisch und ausgreifend wie am Frühmorgen – geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd hockt im Eschenbaum an der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der erzgebirgischen Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo – da hat das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich die Neugier, einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen Bundesbruders jetzt hergeht. Bei Weipert tu ich den Schritt über die Grenze und entschuldige mich bei den hübschen zwei Mädels, die dort vor dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, daß es silbern klingt wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, ich könne sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der Tugend, will sagen die sächsische Landstraße, zurück.

Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere auf dem Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und lasse den Blick hinausschweifen über ein unendliches Wipfelmeer hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel singt ihr Abendlied auf dem Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen violetten Schimmer ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem Wege nach Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt der feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt Crottendorf im Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der Himmel geworden, die Sterne kommen herauf und im Korn schlägt die Wachtel. Die Blumen rundum haben die Köpfe geneigt und die grauen Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der Wiesennebel auch an mir in die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag der Kirchturm von Scheibenberg vor mir emporragt. –

Abb. 5 Der Bärenstein
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume säumen den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort in Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus aus dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die Biedermeierzeit nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über der Stadt, und in der Kirche erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. Scheibenberg war der Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers Christian Lehmann, der uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen Schauplatz der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur Heimatgeschichte hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen Wissenschaft vielleicht auch nicht für voll genommen – er hat vieles bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem Umweg zugetragen ward – so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so ausführlich wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen des Dreißigjährigen Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser Erzgebirge. Das aber dankt die Heimat dem getreuen Magister, der einundfünfzig Jahre lang hier in Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat er zu berichten, was menschliche Bosheit über diese Höhen, in diese Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine Seele im Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel des Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des Basaltbruches, kann auch ich heute einstimmen in dieses Lob.

Abb. 6 Königswalde
Phot. Landgraf, Zwickau

In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe ich nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den Hufen der Reiterpferde, den Rädern der plumpen Stücke und den Karren der Troßknechte geschüttert hat, jahraus, jahrein – die Straße durch Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! Wer über Wiesenthal ins Land Böheim wollte, der mußte hier durch. Auch die Reisenden in die Heilbäder dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt und gerädert, sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen sein. Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch nicht gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wird erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den Wiesenthalern gesagt: »Was zum Teufel wollt ihr Leute in dem wilden, kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit Feuer an und kommt in unsers Herren Lande!« –

Abb. 7 Aus dem Pöhlatale
Hofphotograph Meiche, Annaberg