Abb. 2 Schwarzwassertal
Phot. Landgraf, Zwickau

Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so heftig gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren gebraucht – im Jahre 1817 gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig an seiner Würde als freie Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit einem gewissen Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts »Dorf und Stadt«), hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien Handelns und Hausierens gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein betrieben die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit Arzneimitteln aus den Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten sie Heiltränke ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte Teil der Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber mischte sich die Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit mochte die Kurpfuscherei nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. Als 1858 König Johann durch Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert und über eines Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch:

»Wer nicht lieb hat seinen Fürst

Den hack’ ich in die Leberwürst!«

Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein: »Er hat indes nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.«

Abb. 3 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau

Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel am Gotteshaus. Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers der berühmte Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als Studiosus war er Mitarbeiter der »Bremischen Beiträge«, der Gründung des Literaten Karl Christian Gärtner aus Freiberg, der es verstand, Rabener, Gellert und Klopstock für seine Kampfschöpfung gegen Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks Verwendung wurde Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen berufen. Vom König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den »durchaus Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister Struensee, den ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige geistliche Lieder aus dessen zahlreichen Dichtungen finden sich noch jetzt in unserm Landesgesangbuch. – –

Abb. 4 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau