Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf dem Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen schreitet, dann wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau, den sein Zeichenstift in vielen köstlichen Blättern so liebevoll in seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste gegangen und die letzte Schicht verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, denn eine neue Zeit ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen und das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich durch Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor dem, was die Väter schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten Heimatwerte, daß sie dem Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut werden mögen.
Drei Wandertage im Erzgebirge
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Der Preßnitzer Paß – welche Wolke von Brandgeruch und Blutdunst haftet für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges zur Zeit der dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier die Mordbanden durch’s unglückselige Meißner Land – zuerst die Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden die Schweden; und alle taten ihr Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst nichts blieb von dem, was er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. – Heut’ merke ich nichts von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus in der Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des Flüßchens. – Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland. Alles verklärt er – die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem Jungwuchs, die Felder und Fluren mit einer Pracht ohnegleichen. Der Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher im Giebelgärtchen hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling im gleichen Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht – hinauf auf die Berge.
Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den Rücken; voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein paar Minuten flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf grüner Matte die mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten Hammerwerkes liegen, der zuliebe ich den Umweg hierher gemacht habe. Denn mit einem tiefen, vollen Akkord aus guter, ja aus wirklich guter alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute begrüßen! Wohl – die Matte ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber der Hammer – –! Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal geleistet. Von der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in ihrer wuchtigen Geschlossenheit – wenn auch schon damals mit geborstenen Mauern – einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im ganzen noch drei Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen und das Herrenhaus sind übriggeblieben; alles andere abgebrochen und weggekarrt. Freilich, auch diese geringen Reste noch lassen die Pracht der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist ein wirklicher Genuß, jene Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. Daß wenigstens das Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein Glück. Mehr noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen schmunzelnd das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen ihren gewaltigen Tatzen emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen können an dem prächtigen Schindelwerke der drei Dächer, die mir damit bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, als die smaragdenen Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den Zähnen bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das allzunahe an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind ja bescheiden geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich wähle eben meinen Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins Auge bekomme und sieh da – ein wenig Freude kommt doch noch über mich.
Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt neben mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen. – Hei, rennt das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort hinab. Nimm dir doch Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim wird dir’s nicht wieder, so lange du lebst! Wüßtest du’s hier schon, wie’s draußen aussieht in der Welt, du machtest’s wie ich und stiegst ihn wieder hinauf, deinen Berg. – Wie schön ist die geheimnisvolle Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in Jöhstadt stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat.
Abb. 1 Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus
Hofphotograph Meiche, Annaberg
Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten, die fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befielen, atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber unsrer erzgebirgischen Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? – Ich glaube fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser Hauch von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der grünen Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies Heimatweben alle Not der öden Bauweise vergessen. – Welche Summe von Fuhrmannsnot mag mit der steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn in früheren Zeiten knarrten auch durch Jöhstadt die schweren Erzwagen – die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer freien Bergstadt. Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, das von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem Reliquien vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder sein Zimmerhäckel«, wie einer in der Reformationszeit despektierlich schreibt.