Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine Erwiderung der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten: »Traue doch der Herr Gegner, der den Umbau ausführenden Persönlichkeit auch Geschmacks- und Schönheitssinn zu! Oder will derselbe Herr diese Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch nehmen? Das wäre doch mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« Er würde kein Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn nämlich derselbe in seine Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben: Es gibt nur Einen in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und in einem würdigen Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider entsetzlich blind, diesen Einen zu finden! Will sich denn der Herr Gegner als das Orakel der Baukunst für Freiberg betrachtet wissen?« Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« gesprochen. – Man vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung und Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter! Darauf diese Verdächtigungen und Entstellungen! –

Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm: »… Daß man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will, als es nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll – Beweis genug – daß dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu Grunde liegen konnten.«

Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung mit technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen des »Kommunbauwesens« gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten vorhanden ist. Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor, welche in sachlicher Form und längeren technischen Ausführungen seinen Standpunkt und seine Arbeiten vertritt.

Abb. 3
Rathaus von Freiberg seit 1920
(Umbau von Stadtbaurat Rieß)

Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel hinwegfegte, ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen war, ein und war der Verunglimpfungen müde geworden. – Was in den Akten steht, ist ja sozusagen nur die Inhaltsangabe eines Buches aus dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene Seiten voll sind von menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was mag bei dem dichten Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch keine Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen und Verhetzungen, für Entstellungen und »Machinationen« im Gange gewesen sein, die dem wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor sechzig Jahren das Leben verbitterten. Er wurde spöttisch »Orakel« genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, denn seine Weissagung über das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. Seine Anschauung hat sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als falsch und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz erkannt worden, der nie wieder gut zu machen ist.

Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach ausgebaut und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die Wiederherstellung des alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht genommen und auch später vom Landesamt für Denkmalpflege durch Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte dies an der Kostenfrage und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle genügend Licht und Fenster zu schaffen.

Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen Wirkung hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern wäre durch Fensterreihen zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm möglich gewesen, der Art und Bedeutung der eingebauten Diensträume und Sitzungszimmer nach außen Ausdruck zu geben, ohne wesentliche Änderung des ganzen Bildes.

Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus der Aufgabe heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen Denkmalpflege und des Heimatschutzes.

Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues und Betonung besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele nahezukommen, die »Sünden der Väter« wieder gut zu machen und dem Rathaus seine frühere städtebauliche und künstlerische Bedeutung im Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3).