Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren Bausachverständigen zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit einer völlig sachlichen Begründung und Angabe des Tatbestandes. Es werden acht Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist die Feuersgefahr im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach feuergefährlicher als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung eines Ziegeldaches teurer als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit Rücksicht auf die Umgebung und die Größe des Hauses die Höhe eines Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und Hauptgesimsformen so wenig zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz nach Willkür verfahren kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen zu den alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu einer Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf den dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf dasselbe bei einer Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten Dachhöhe von zehn Ellen einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen, da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt angezogen werden kann?
Abb. 2
Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857–1920
Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler seinen Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie der Gesamterscheinung unabhängig von den Einzelformen, und in der Harmonie mit der Umgebung die künstlerische Lösung suchte und sah. Das ganze alte Freiberg hatte hohe steile Ziegeldächer. Da mußte auf ihn das neue flache Schieferdach ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag wirken, gegen den er sich in starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2).
Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft und blieb ohne Erfolg.
Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin und entwarf einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um der Eingabe zuvorzukommen, der von persönlichen Angriffen strotzt. Heuchler wird »niedriger Machinationen« bezichtigt. Er »wühle« und »wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine Mittel, zeige sich gehässig usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit gegen den neuen Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile werden gespitzt.
Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht abgeschickt, sondern zunächst das weitere abgewartet.
Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im »Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher Form auf die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche Entwicklung durch die verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich also so wichtige historische Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!«
Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines Verständnisses für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das seiner Zeit weit vorauseilt? Er bestreitet weiter diese dringende Not, spricht für die Erhaltung des hohen Daches und Giebels und sagt zum Schluß:
»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur darin, »das Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen Baustilen noch neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Rokokogiebel und dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des Gebäudes so verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.«