Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der Anschauung von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche Baudenkmäler und alte Kunst des Vaterlandes verderblich gewesen ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die völlige Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten liegen. Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den wertvollen eigenwilligen Charakter gesetzt.
Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen der Architekturformen erhalten, durch welche Hänel eine feinere und reichere Gliederung des Daches und des Giebels bezweckte. Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von vier stehenden Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage Webers beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es wirkt wie ein trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in Dresden gegen Heuchler mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und dann selbst aus Heuchlerischen Gedankengängen heraus eine derartige Steigerung der Dachhöhe nachträglich vorschlägt. Es sind nun schon fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird gegenüber seinem ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser Vorschlag wurde genehmigt.
Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt.
Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares!
Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor ein altes Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm nach einer polizeilichen pflichtschuldigen Anzeige wegen einer »Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor einen »noch sehr glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden Redensarten auf offener Straße begegnet.«
Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei dem Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor Heuchlers herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium des Innern in betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter ausdrücklicher Verpflichtung der Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten hatte.
Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies herausgeschnüffelt, nahm widerrechtlich sofort das Schriftstück an sich und eilte mit dem Schritte des Retters und Rächers auf das Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, daß dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den Bürgern zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn, Hopperdiezel, sogar der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm nicht einen verschwiegenen Mann zur Unterschriftensammlung nennen könne, der weder den Urheber der Eingabe noch den, der sie in Bewegung setze, verraten würde. – Holzhausen wurde sofort vor das gestrenge Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß er in Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen zu tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei ihm in Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze Sache fatal, er sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch zu diesem ihm nur ärgerlichen Auftrage gekommen.«
Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den sachgemäßen Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch Vertrauensbruch erlangten Schreiben eine Abschrift nehmen zu lassen, ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte.
Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel oder Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit?
Und was war der Inhalt der Eingabe?