Am ersten Mai 1654, als der Schnee geschmolzen war, begann der Bau. Der Schulmeister zu Schwarzenberg entwarf den Grundriß und bezeichnete eines jeden Heimstätte. Mit Macht ging man ans Reuten des Waldes. Eintausendsechshundertundneunzig Stämme allein mußten auf dem Marktplatz beseitigt werden. Am zehnten Mai schon war die erste Türschwelle gelegt. Spottend schaute man auf böhmischer Seite zu. Wo wollten die Leute dauernd gutes Wasser herbekommen hier oben? Sieh, und da sprang schon stark und hell ein Felsenbrunn, der bei einem Kellerbau angestoßen war, und auch Lehm fand sich reichlich vor. Freilich, wohnlich mögen diese ersten Häuser nicht gewesen sein. Viele von ihnen hatten keine Fenster, nur Lichtlöcher, und dazu standen allerorts noch die abgehauenen Stämme vor den Türen, bis endlich 1662 der Rat ernstlich auf ihre Beseitigung drang als eine Deformität für den Markt.
Noch einmal zeigte sich der Neid der böhmischen Nachbarn. Die neue Kirche der Exulanten war fertig geworden, da erging Anzeige nach Prag, sie stünde auf böhmischem Boden. Von beiden Regierungen ward alsbald eine Kommission zur Untersuchung des Falles gebildet. Nach längerem Suchen fand man die alten Grenzsteine, und es ergab sich einwandfrei, daß die Kirche auf kursächsischem Gebiete stand. Aus Ärger über diese Blamage soll der Prager Abgeordnete einem der Denunzianten coram publico eine gewichtige Ohrfeige gegeben haben.
Sachsen merkte es bald, welch tüchtigen Zuwachs es mit den neuen Bürgern bekommen hatte. Namentlich der erste Bergmeister von Johanngeorgenstadt stand beim Landesherrn in großer Gunst. Seiner Tüchtigkeit schrieb man das Erblühen des Bergbaues im neuen Revier zu, indes rings im Lande das Bergwerk gerade damals arg danieder lag. Der »Silber-Bergmeister« ward er genannt; sicher kein Schimpf für einen gerechten Bergmann.
Abb. 9 Orgelpfeifen am Scheibenberg
Phot. Landgraf, Zwickau
Zum Bergwerk gesellte sich bald in ausgiebigem Maße das Hammerwerk. Besonders in Wittigstal wuchs der alte Hammer zu hoher Bedeutung. Die »Hammerpursche« waren ein gar unbändig Volk, stark und dauerhaft. Bei der Arbeit hatten sie nichts an als ein Hemd und ein Schurzfell, und »weil sie immer am Feuer stehen, geht von ihrem Lohn viel aufs Getränke«.
Die neu entstandene Stadt ward in der Folge als Sehenswürdigkeit viel besucht. Peter der Große kam hierher, später auch Goethe und Humboldt. Wie aus einem Brief Goethes hervorgeht, sah er sich hier fleißig »unter der Erde« um.
All’ das zieht an meinem Geiste vorüber, wie ich im Rathaus am Fenster sitze und über den abfallenden Markt hinab schaue. Seit dem großen Brande von 1867 steht Johanngeorgenstadt in einem Gewande da, das freilich nicht mehr im entferntesten an die alte Zeit erinnert. »Neugotik« war das Schlagwort beim Wiederaufbau der Kirche, und auch das Rathaus ist in seiner alten Gestalt schöner gewesen. Aus einem Glasbild im Fenster des Gastzimmers kann ich das deutlich erkennen. Wie wundervoll mögen sich, danach zu urteilen, auch die Bürgerhäuser mit ihren weiten Bogentoren und den vorgekragten Obergeschossen ausgenommen haben.
Abb. 10 Johanngeorgenstadt
Phot. Landgraf, Zwickau