Nun, ein Stück alter Zeit bewahrt wenigstens das Gelände hinter Johanngeorgenstadt. Da grüßt noch manches Berggebäude zur Straße herüber. Die Krone von allen aber ist der alte Pferdegöpel, dessen Erhaltung dem Verein Heimatschutz erst kürzlich unter opferfreudiger Beihilfe weiter bergmännischer Kreise im ganzen Reiche gelungen ist. Es ist sehr zu begrüßen, daß uns so wenigstens eines dieser sinnreichen alten Triebwerke erhalten bleibt, wie sie im Erzgebirge zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich wurden und damals einen gewaltigen Fortschritt in der bisherigen Förderart mit der »runden Scheibe«, die durch Menschenkräfte gedreht ward, bedeuteten. Jahrhundertelang haben die dieser Betriebsart entsprungenen, hochmalerischen Baulichkeiten das Landschaftsbild unseres Gebirges beeinflußt. – Vergnügt kann ich mich heute überzeugen, daß die Wiederinstandsetzungsarbeiten an diesem allerletzten Artvertreter rüstig im Gange sind.
Abb. 11 Kammweg Johanngeorgenstadt–Oberwiesenthal
Hofphotograph Meiche, Annaberg
Viel hab ich heute gesehen und erwandert, aber die letzte Herzstärkung wird mir doch erst zuteil, wie ich beim Forsthaus Sauschwemme den Gipfel des Auersberges erklommen habe. 1018 Meter hoch über dem Meere in königlicher Einsamkeit hausen zu dürfen, ist ein gar stolzes Gefühl! Wie erstarrte grüne Meereswogen liegen sie da vor dem Fenster, die vielen, vielen Höhen des Erzgebirges; ganz selten einmal eine menschliche Siedlung, immer nur Wald, Wald und Wald. Keines von allen den Bergwirtshäusern, die ich schon besuchte, hat mir solch freudige Überraschung bereitet. Noch von meinem Bette im Obergeschoß aus kann ich die schlafende Bergwelt grüßen. Alles heute genossene Schöne aber wird in den Schatten gestellt von der erhabenen Weihe des Blickes, den ich zwischen ein und zwei Uhr in die Bergnacht hinaus tun darf! Ein feierliches Leuchten liegt über der gewaltigen Landschaft. Silbern blinken die Sterne herab; in rührendem Zagen zittert ein Lichtlein aus weit entferntem Menschenheim herauf. Wie ist die Waldnacht unsrer Berge stumm; und doch ist mir’s, als ginge ein brausendes Loblied über die Gipfel alle und Wipfel, das auch mir das Herz im Leibe entbrennen macht in Anbetung und Verehrung. – Schon dem alten fürstlichen Weidmann, Johann Georg I., war der Auersberg lieb und wert. Gern hielt er ein Jagen hier ab, bescherte ihm doch der Auersberg die stärksten Hirsche, die gröbsten Sauen und wehrhaftesten Bären. Auch ein hölzernes Aussichtsgerüst und Unterkunftshütten für die Jägerei ließ er hier errichten. »Gesegne euch Gott, ihr Hölzer, ich seh’ euch nimmer wieder«, soll er beim letzten Abschied von dem lieben Erzgebirgswald ahnungsvoll und wehmütig ausgerufen haben.
Am nächsten Morgen ziehe ich in einem herrlichen Frühgewitter zu Tal. Wild rauchen die Schluchten und die waldigen Höhen. Gewaltig und hehr ist die Schöpfung hier oben erst recht an einem Regentag. Drum groll’ ich auch nicht ob der Nässe und lange wohlgemut am Ziel meiner Wanderfahrt an, im wälder- und wiesenumgürteten Eibenstock.
Ich glaube es den alten Harzer Bergleuten, die das Erbe der Wenden im Zinnbergbau hier antraten, daß sie die Gegend an ihre Heimat erinnerte. Drum legten sie den Höhen hier oben heimische Namen bei. Einen Auersberg und einen Rammelsberg gibt es auch im Harz. – Waren die wendischen Ansiedler mehr auf Gewinnung des Zinns durch Auswaschen, das sogenannte Seifen, ausgegangen, so drangen die Sachsen nun mehr in die Tiefe. Zeche an Zeche entstand am Auersberg; zu Luthers Zeiten noch sollen sie jährlich mehrere tausend Zentner Zinn gespendet haben. Manch anderen köstlichen Fund gaben auch die rauschenden Bäche heraus – lauteres Gold in Körnern, von denen noch 1733 eines gewonnen ward, das dreizehn As schwer gewesen sein soll und August dem Starken überreicht ward.
Als der Bergbau anfing unergiebig zu werden, blühte auch hier das Laborantenwesen auf. Schon im sechzehnten Jahrhundert braute man in Eibenstock das Bergöl, ein Allheilmittel aus Harz, und später ward die Kunst der Arzneibereitung gewaltig ausgebaut. Aber der Wohlstand der Stadt war mit dem Bergbau dahingesunken, und mit besonderer Wucht trafen die Hungerjahre 1770 bis 1773 hier auf. Elementare Naturereignisse, wohl auch fehlerhafte wirtschaftliche Maßnahmen seitens der Regierung, die zuviel Korn aus dem heimischen Tiefland in die Nachbarländer abgegeben haben soll, leiteten die böse Zeit ein. Im Oktober 1770 kostete ein Brot in Eibenstock schon mehr als den ortsüblichen Tagelohn; 1772 überstieg es diesen dreimal! Grauenhaft war die Not. Alle Habseligkeiten hatten die armen Leute schon verkauft. Auf Wegen und Stegen taumelten die Verhungernden nieder und starben. Besonders anschaulich schildert ein Eibenstocker Bürger, der Hutmacher Georg Fichtner, der sich um Hilfe ins Niederland aufmachte, das Elend. »Aus Pferdedünger,« schreibt er, »habe ich die Kinder die Haferkörnlein aussuchen und essen gesehen. Bei Chemnitz fand ich ein Mädchen am Wege unter einem Haselstrauch, das hatte die Hände am Munde, beide voller Blut – die Fingerglieder waren weggebissen! Eine halbe Stunde vor Falkenstein lag eine tote Frau, ein einjähriges Kind kletterte auf ihrer kalten Brust und weinte – ach so kläglich. In diesem Jahre starben in Eibenstock über siebenhundert Menschen. In Brotschränken, Kisten und Kasten begrub man sie, man hatte für Särge kein Geld.«
Das Jahr 1773 brachte gute Ernten. Aber völlig verarmt lag Eibenstock da. Da war es ein junges Mädchen, das Rettung brachte. Eines sächsischen Oberförsters in polnischen Diensten Tochter war sie und hatte im Kloster zu Thorn kunstvolle Handarbeiten erlernt. Nach des Vaters Tode kam Clara Angermann nach Eibenstock, des Verstorbenen Heimat. Das Elend, das in der Stadt herrschte, brachte sie auf den Gedanken, den Frauen und Mädchen Unterricht im Tamburieren zu geben; und siehe, es ruhte ein Segen auf diesem Beginnen. Noch heute steht der Name der edlen Frau, die später die Gattin des Oberförsters Nollain ward, in Eibenstock in dankbarem Gedenken. – –
Da bin ich in meinen Gedanken fürwahr durch die ganze Stadt gewandert und noch einmal ziehe ich eine kurze Strecke durch ein schönes Wiesental hin, bis mich am unteren Bahnhof von Eibenstock der Zug aufnimmt. Ich danke dir, Heimat, daß du mich wieder einmal hast in deines Wesens inneren Kern schauen lassen. Fahre wohl, blauer Bergwald; Gott grüße dich, silbernes Bächlein – euer Heimathauch wird auch noch im Treiben der Stadt oft mein Herze erfreuen, denke ich euer in Liebe und Treue.