Der letzte Storch in Haselbach
Phot. Rud. Zimmermann

Heyder war dem Storchvorkommen in Westsachsen bereits früher nachgegangen. In einer kleinen Mitteilung in der von Kleinschmidt herausgegebenen Zeitschrift Falco (II, 1903, Seite 76 bis 77) stellte er um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts für die Bornaer Gegend eine bereits in Wirksamkeit getretene Abnahme unseres Vogels und das Aussterben kurz vorher noch besetzt gewesener Horste fest, konnte dabei aber auch noch an bewohnten Storchnestern je eines in Regis und bei Bergisdorf, sowie drei in Deutzen nachweisen, während für zwei weitere in Blumroda sich nicht feststellen ließ, ob sie im Berichtsjahre besetzt gewesen waren. Das Aussterben dieser wenigen, durchweg auf Bäumen (Pappeln) errichteten Nester ging dann ziemlich rasch vor sich und vollzog sich noch im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts; schon 1910 oder 1911 fand ich keines mehr bewohnt vor; sie waren von dem gleichen Schicksal ereilt worden, das in den Jahren vorher bereits Nester in Röthigen, Görnitz und Großzössen betroffen hatte. Auch weiter östlich, im Flußgebiet der Vereinigten Mulde, hat Adebar ebenfalls noch bis in unser Jahrhundert hinein genistet; das letzte oder eines der letzten Nester linksseitig der Mulde, das noch bis um die Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts bewohnt gewesen sein soll, befand sich in Großbardau südlich von Grimma. Diesem Vorkommen schließen sich dann rechts der Mulde die von Heyder in seiner Ornis Saxonica (Journ. f. Ornithol. 64, 1916, Seite 292 bis 293) erwähnten Nester von Kühren, Wäldgen und Gornewitz an, zu denen wahrscheinlich noch ein weiteres von Golzern (oder bei Golzern) bei Grimma kommt, wo der Storch angeblich ebenfalls noch bis in unser Jahrhundert hinein genistet haben soll, die aber heute sämtlich der Geschichte angehören. Es wäre vielleicht gar keine so undankbare Aufgabe, dem Aussterben des Storches in Nordwestsachsen einmal an Ort und Stelle noch weiter nachzugehen und sein allmähliches Verschwinden hier zeitlich genauer festzulegen; im Zeitalter dieser sich überstürzenden, nun bald schon ans Unsinnige grenzenden Fahrpreiserhöhungen allerdings ist sie nicht ganz leicht und gehört für einen gewöhnlichen Sterblichen sogar überhaupt schon zu den Unmöglichkeiten. – Über ehemalige Storchvorkommen in der Umgebung Leipzigs und sogar innerhalb des Weichbildes der Stadt selbst hat Hesse im Journ. f. Ornithol. 57, 1909, Seite 13 bis 14 berichtet; ein in Papitz in der Elsteraue nordwestlich von Leipzig gestandenes Nest, das erst in jüngerer Zeit ausgestorben ist, hat sich allerdings bereits jenseits der Landesgrenze auf preußischem Gebiet befunden.

Nordwestsachsen, (besonders die Gebiete der Elster-, Pleißen- und Muldenaue und anscheinend auch der heute durch die Parthe noch angedeutete alte, zwischeneiszeitliche Muldenlauf) scheint nach gelegentlichen eigenen Umfragen in vergangenen Zeiten vom Storch gar nicht so gering bevölkert gewesen sein; befragt man ältere Einwohner des Gebietes nach unserem Vogel, so wissen sich diese oft noch auf mehrere Nester innerhalb eines einzelnen Ortes zu erinnern. Der Rückgang des Vogels scheint, soweit meine Nachforschungen einen dahingehenden Schluß zulassen, aber bereits in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts ein augenfälliger geworden zu sein und namentlich dann von den achtziger Jahren ab sich mit großer Schnelligkeit vollzogen zu haben. Auch in alten Ortschroniken des Gebietes wird der Vogel nicht selten erwähnt; Christian Schöttgen beispielsweise schreibt in seiner »Historie der Chur-Sächsischen-Stiffts-Stadt Wurzen«, daß »Anno 1679 und 1680 der Winter sehr warm gewesen ist, so daß die meisten Leute barfuß gegangen und der Storch am 19. Februar anher gekommen ist« und in Adam Friedrich Glasigs 1721 erschienenen »Kern der Geschichte des hohen Chur- und Fürstlichen Hauses zu Sachsen« heißt es: »Störche pflegen absonderlich zu Leipzig in der Stadt auf den Dächern der Häuser jährlich zu hecken.« –

Das letzte besetzte Storchnest im Leipziger Tieflandsgebiet befand sich allerdings nicht mehr auf sächsischem Boden, sondern in dem altenburgischen Dorfe Haselbach, wo es auf einer geköpften Pappel im Hofe des Rittergutes stand. Im Jahre 1910 brachte das dies Nest bewohnende Storchenpaar fünf Junge hoch und nach einer Pause im Jahre 1911 erblickten in ihm 1912 wiederum drei Junge (von denen eins aber dann an einem Leitungsmast verunglückte) das Licht der Welt. 1913 blieb es von neuem leer und als im Herbste desselben Jahres das Rittergutsgehöft von einer Feuersbrunst betroffen wurde, litt darunter auch das Storchnest. Man gab ihm in einem Wagenrad eine neue Unterlage und setzte es auf das Dach der neuen Scheune, doch erfüllte es, nachdem sich 1914 zwar noch ein einzelnes Storchenweibchen in ihm aufgehalten hatte und nach Hildebrandt (»Beitrag zur Ornis Ostthüringens« in »Mitteil. a. d. Osterlande«, N. F. 16, 1919, Seite 322) auch Eier gelegt, aber nicht gebrütet haben soll, leider seinen Zweck nicht wieder und blieb seit 1915 endgültig verwaist.

Das Haselbacher Storchnest ist von mir oft besucht worden. 1912 hatte ich Gelegenheit zu einigen nicht ganz schlechten Aufnahmen am Neste; von den damals erhaltenen Bildern sei hier eines als letzte Erinnerung an das Nisten des Storches im Leipziger Tieflandsgebiet angefügt und mag zu späteren Geschlechtern von dem »Es war einmal« reden.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.

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