Neben den vielen Städten und Städtchen hatte August der Starke auch den beiden Klöstern Marienstern bei Kamenz und Mariental bei Ostritz aufgegeben, eine Distanzsäule vor ihre Einfahrt zu setzen, damit sie sich durch dies künstlerische Schmuckstück von den ärmlichen Dörfern unterscheiden möchten. Auf meine Anfrage hat man kürzlich liebenswürdigerweise in den Klosterarchiven nachgesucht, aber an keiner der beiden Stellen einen Anhalt dafür gefunden, ob eine solche Distanzsäule wirklich gesetzt worden oder wie die Sache sonst ausgegangen ist.
Etwas rätselhaft mutet dem Forscher die Tatsache an, daß das kleine Dörfchen Krakau bei Königsbrück sich einer wohlerhaltenen Distanzsäule (vgl. [Abb. 7]) erfreut. Dort geht selbst heute noch keine größere Straße vorüber und nur die Erinnerung an die polnischen Reisen, die den Kurfürsten über die Gräflich Brühlschen Besitzungen nordwärts von Dresden führten, lassen vielleicht sein besonderes Interesse an diesem Zwischengelände erklärlich erscheinen.
Einem sonderbaren Schicksal war schließlich die Distanzsäule von Wilsdruff verfallen (vgl. [Abb. 8]). Der Straßenbaufiskus hat sie 1860 an ihrem Platz auf dem Markte weggenommen und für 60 Taler an den Rittergutsbesitzer auf Nieder-Reinsberg bei Nossen, Herrn von Schönberg, verkauft. Sie ist seitdem auf einem Hügel mitten in dem Rittergutsflur aufgestellt und hat augenscheinlich durch die Witterung viel gelitten. Im Jahre 1919 erinnerte sich die Stadt ihres alten Besitzstückes; die heutige Rittergutsherrschaft der Schönberg war auch entgegenkommenderweise zu kostenloser Rückgabe bereit, dagegen konnte dem Stadtsäckel in unsern schweren Zeiten der verhältnismäßig hohe Aufwand für Beförderung und Neuaufstellung nicht zugemutet werden. Die alte verwitterte Säule, die in ihrem Gefüge vielleicht durch den Abbruch noch mehr gelitten haben würde, verbleibt also an ihrem Platz auf einsamem Felde.
Einer irrtümlichen Anschauung von den Postzeichen dürfte die Erwähnung einer Meilensäule im Dresdner Vorort Kaditz entspringen, die bis 1903 an der Ecke der Radebeuler und Dresdner Straße gestanden haben soll[7]. Wahrscheinlich hat es sich hier nur um einen der meterhohen Wegweisersteine gehandelt, die auch anderwärts an Kunststraßen vorkommen, denn die augusteische Poststraße hat das Dorf seiner Zeit gar nicht berührt und nach der Titelkarte in Schramms Schilderung von 1724 ist die Entfernung östlich von Kaditz richtigerweise mit einer Halbmeilensäule bezeichnet.
Fälschlicherweise werden zur Straßenbezeichnung Augusts des Starken in der Literatur mehrfach auch die Säulen von Altdöbern und Lübben in der Mark gerechnet. Die erstere zeigt eine durchaus abweichende Gestalt ohne das sächsisch-polnische Wappen und die andere ist laut Inschrift bereits 1720 auf Veranlassung des Herzogs Moritz Wilhelm von Merseburg errichtet worden.
Aufklärung war mir bisher nicht möglich für zwei Meilenzeichen, von denen das eine an der Straße von Neustadt (Sa.) nach Rumburg (Böhmen) etwa zwanzig Minuten von Langburkersdorf entfernt stehen und das andere an der Straße von Hartmannsgrün i. V. nach Waldkirchen vorhanden gewesen sein soll.
Ein schlanker Obelisk wurde mir ferner an der Kunststraße Freiberg-Großhartmannsdorf in der Nähe des Freiwaldes westlich der Straße beim Wasser gemeldet, ohne daß ich bisher Näheres feststellen konnte.
Unaufgeklärt mußte ich schließlich auch die Frage einer Meilensäule an der Chemnitz-Zschopauer Kunststraße beim Dorfe Gornau lassen. In der Zeitschrift Das Automobilwesen, 1905, Seite 834, fand ich auf einem photographischen Bildnis des Rennfahrers Oskar Günther, das ihn im Kraftwagen bei Gornau zeigt, eine Meilensäule zufällig am Straßenrand mit aufgenommen. Durch briefliche Mitteilung zweier Herren, die durch meine früheren Veröffentlichungen auf die Postzeichen aufmerksam geworden waren, erhielt ich die Säule noch doppelt bestätigt. Sie soll auf »Altenhainer Flur« »am Straßenkreuz nach Weißbach und Dittersdorf«, nach anderer Meldung »im Walde zwischen Gornau und Chemnitz« stehen. Demgegenüber hat mir im Sommer 1919 der Ortspfleger des Heimatschutzes, den ich um Bestätigung und nähere Angaben ersuchte, geschrieben, daß dort keine Säule zu finden sei. Auch von der Amtshauptmannschaft ist auf eine allgemeine Rundfrage vom Jahre 1917 nichts davon erwähnt worden. Der Oberreitsche Atlas, Blatt Chemnitz, zeigt 1835 eine Säule in der Gegend, so daß sie entweder erst nach der photographischen Aufnahme des Automobils zerstört worden ist oder vielleicht doch noch unbeachtet am Platze steht.
V. Der Schutz der Postzeichen
Um die Erhaltung der Postsäulen bemühen sich heutzutage in erster Linie die staatlichen Stellen für Denkmalpflege und der Landesverein Sächsischer Heimatschutz; das große Inventarisationswerk von Steche und Gurlitt, dessen zahlreiche Bände um die Jahrhundertwende erschienen, führt bereits eine Anzahl der Postzeichen mit auf, und die Mitteilungen des Landesvereins und der Sächsischen Volkskunde haben mehrfach ergänzende Bemerkungen gebracht.