Der gegenwärtige Bestand legt uns trotz seiner Dürftigkeit noch ungelöste Fragen vor. So z. B. kann man sich selbst unter Zuhilfenahme alter Verkehrskarten und Kursbücher nicht erklären, wie das Dörfchen Ballendorf zwischen Grimma und Lausigk zu einer Meilensäule gekommen ist, die dort heute in einem Obstgarten am Nebenwege südlich der Kirche steht. Sie macht äußerlich durch ihre unbeschädigten Formen durchaus den Eindruck, als habe sie stets hier gestanden.
Nach alledem bleibt man also auch für die Meilensteine an den Straßen nur darauf angewiesen, aus dem unvollständigen und unsicheren Bild, das die Akten, die älteren Kartenwerke und die verbliebenen Reste gemeinschaftlich zu bieten vermögen, sich selbst durch freie Schätzung einen Begriff von der einstigen Gesamtzahl zu machen. Dabei erscheint es wohl nicht zu hochgegriffen, wenn man innerhalb Sachsens zu der angenommenen Zahl von neunzig Distanzsäulen das zehnfache an Meilenzeichen rechnet. Ob dieses Verhältnis auch außerhalb das richtige ist, erscheint mir trotz der größeren Entfernungen zweifelhaft. Einmal war das Straßennetz dort nicht so dicht als im Stammlande, und zweitens dürfte die Bezeichnung infolge Steinmangels wohl gar nicht viel ausgebaut worden sein. Im ganzen weiten Norden ist nämlich meines Wissens neben den Distanzsäulen nicht eine Meilen- und nicht eine Halbmeilensäule, sondern nur ein schwerbeschädigter Viertelstein in Rüdingsdorf, Kreis Luckau, erhalten; er trägt nur den Namenszug August des Starken und keine Jahreszahl. –
Der allgemeine Zweck dieser kursächsischen Postzeichen hätte es wohl nahegelegt, in Verbindung mit dieser Schilderung auf einer eignen Karte die alten Postkurse sowie den einstigen und den heutigen Bestand der Steinmäler darzustellen. Abgesehen vom Kostenaufwand verspricht jedoch eine solche Übersicht keinerlei Vollständigkeit und noch viel weniger ein wirkliches Verkehrsbild. Zur Ergänzung der textlichen Darstellung mögen infolgedessen die beigegebenen tabellarischen Verzeichnisse dienen. Da sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wird jede Nachricht über den Verbleib eines Postzeichens, das hier noch nicht aufgeführt ist, dankbar entgegengenommen.
Über eine ganze Reihe von Postzeichen, die nachweislich einst vorhanden gewesen, aber im Laufe der beiden Jahrhunderte verschwunden sind, finden sich in den Zürnerschen Akten, in alten Stadtrechnungen oder auf Kupferstichen und Gemälden verschiedene Anhaltepunkte. Zur Ergänzung der Bestandslisten A, a, b, c sei deshalb eine Reihe von ihnen hier mit angeführt.
In Dresden haben nach der Titelkarte bei Schramm von 1726 vier Distanzsäulen vor dem Festungsring an der Leipziger, Bautzner, Pirnaer und Wilsdruffer Landstraße gestanden. Sie sind ebenso wie die anschließenden Meilensäulen seit langem spurlos verschwunden.
Zur Nachsuche wegen einer Meilensäule hat der Dresdner Rat im Sommer 1919 Gelegenheit gegeben. Ein Rohrmeister des städtischen Gaswerks glaubte sich zu erinnern, bei Ausschachtungsarbeiten im Straßenkörper der Bodenbacher Straße zwischen Landgraben und Liebstädter Straße etwa ein Meter tief eine gut erhaltene Meilensäule mit Posthorn und Entfernungsangaben gesehen zu haben. Nachgrabungen, die an mehreren von ihm bezeichneten Stellen vorgenommen wurden, haben jedoch keinen Erfolg gehabt[2].
Das Peterstor, Hallesche und Ranstädter Tor in Leipzig ist seit 1724 mit je einer, und das Grimmaische Tor mit zwei Distanzsäulen ausgestattet gewesen. Als Verfertiger werden die Steinmetzen Johann Adam Hamm, Gottlieb Kretschmar und Peter Hennicke genannt[3]. Der Stadtplan von 1749 zeigt die entsprechenden Plätze. Die Säule vor dem Peterstor finden wir auf einem Bilde der Esplanade, jetzt Königsplatz, in dem Werk Saxonia, Museum für Sächsische Vaterlandskunde von Dr. Sommer, Dresden 1835, Band IV, Seite 61.
Vier große Säulen hat seit 1724 ferner die Stadt Zwickau besessen und noch im Jahre 1845 wird die eine vor dem Tränktor an der Paradiesbrücke und eine zweite vorm Frauentor an der heutigen Bahnhofstraße bezeugt[4]. Heute fehlt dagegen auch von ihnen jede Spur.
Gleichfalls im Jahre 1724 hat die Stadt Oschatz vor dem Brüder-, Altoschatzer und Hospitaltore Distanzsäulen gesetzt und die Kosten durch Anlagen aufgebracht[5]. Auch hier ist keiner der drei Obelisken erhalten. Dagegen zeigt das Denkmal vor der Hauptwache am Markt meiner Erinnerung nach genau die gleichen Formen und Abmessungen der Distanzsäulen, so daß man wohl auf die Vermutung kommen kann, hier sei eines der alten Stücke in aufgearbeiteter Gestalt später einem andern Zwecke dienstbar gemacht worden.
Über einen heftigen Streit zwischen Zürner und dem Stadtrat wegen der Distanzsäule, lesen wir im Aktenstück und im Stadtarchiv von Wurzen. Die Distanzsäule auf dem Rondell ist tatsächlich bis 1892 vorhanden gewesen[6].