Auf eine Kette von nicht weniger als fünf guterhaltenen Stücken stoßen wir schließlich an der einstigen Prager Poststraße, die über die erzgebirgischen Höhenrücken von Dohna nach Börnersdorf verlief und gegenwärtig nur noch der Verbindung von Dorf zu Dorf dient. Dem ausgebesserten Viertelsteine in Dohna folgt ein Meilenobelisk bei Köttwitz (vgl. [Abb. 4].) Dann treffen wir in richtigen Abständen auf zwei weitere Viertelmarken in Börnersdorf und am Haarthewald (vgl. [Abb. 5]), sowie nochmals auf die ganze Meile bei Breitenau. Zu diesem Straßensystem hat noch ein Halbmeilenstein nordöstlich der Fürstenwalder Kirche gezählt. Einige Sandsteinstücke, die ich dort im Jahre 1912 am westlichen Straßenrand vorfand, mögen davon herstammen. Im Abstand einer weiteren Viertelmeile beim Haferfeldwald zeigt der Oberreitsche Atlas (Blatt Altenberg) kurz vor der Landesgrenze nochmals einen Viertelmeilenstein; es ist mir bisher aber nicht gelungen, seinen Verbleib zu ermitteln.

Auch ohne dieses siebente Stück gestattet das Beispiel dieser alten Bergstraße, zusammen mit dem sonstigen Befund inner- und außerhalb Sachsens jedoch zwei ziemlich sichere Schlußfolgerungen: die Meilensteine aller drei Größen haben inner- und außerhalb der Ortschaften von der Bevölkerung sicherlich nichts zu leiden gehabt, sondern sind hie und da, wie Einzäunungen, Blumenschmuck und Ausbesserungen z. B. in Ballendorf, Crandorf und Börnersdorf zeigen, sogar auch ohne staatliche Mitwirkung und ohne Belehrung durch den Heimatschutz gepflegt worden. Die vorhandenen Lücken dürften also wohl zumeist dem natürlichen Verfall und der ungenügenden Gründung der hochragenden Formen zuzuschreiben sein. Ihre vollständige Vernichtung im Bereich späterer Kunststraßen ist dagegen wohl ausschließlich auf die Bauleiter aller Grade zurückzuführen. Wenn diese irgendwo und irgendwann einmal soviel geschichtlichen Sinn oder künstlerische Erkenntnis aufgebracht hätten, um den Wert der alten Postzeichen zu ermessen, dann müßten die kleinen Merksteine ja gerade an den von Staats wegen ausgebauten Kunststraßen besonders sorgsam behandelt worden sein. Unter all den Hunderten zeugt aber nicht ein einziges Beispiel für solche Überlegung. Unser sächsisches Landschaftsbild, das beim Fehlen katholischer Andachtszeichen ohnehin manchen poetischen Anklang entbehrt, ist also im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch diesen beispiellosen Unverstand der Staatsbeamten noch der einzigen Werke von Straßenkunst beraubt worden.

Über die einstige Zahl und die Verbreitung der Meilenzeichen vermögen wir uns heutzutage fast noch schwerer ein Bild zu machen als bei den großen Stadtsäulen.

August der Starke hatte von vornherein den Wunsch, alle Poststraßen damit auszustatten. Die Akten enthalten jedoch kein Verzeichnis der zu behandelnden Straßen und schweigen sich merkwürdigerweise auch darüber aus, welche Verbindungswege um 1822 überhaupt als Poststraßen angesehen wurden. So finden wir denn manche Landstraße im Aktenheft der Nachbarstadt aufgenommen, z. B. bei Grünhayn, oder es wurde ein besonderes Schriftstück für den Bezirk angelegt, z. B. Dippoldiswalde Stadt und Amt. Ein vollständiges Verzeichnis der ganzen, halben und Viertelmeilenzeichen geben die Akten mit genauer Ortsbezeichnung für die Straße von Lützen bis zum Leipziger Peterstor. Bei Pätzold finden wir weitere acht Hauptstraßen mit ihrer genauen Besetzung aufgezählt.

Aus dem Schriftwechsel mit Zürner, aus den von ihm aufgestellten Tabellen oder aus Besichtigungsergebnissen, über die manche Akten berichten, ersehen wir dann, daß die Straßensäulen bei den Vorbereitungsarbeiten numeriert wurden. Nach welchen Grundsätzen dabei verfahren wurde, ist nicht ersichtlich, denn an der Straße von Chemnitz über Annaberg nach Karlsbad wird in dem Grünhayner Faszikel ein Meilenzeichen Nr. 52, sowie an der Straße Schneeberg-Annaberg ein solches mit Nr. 57 erwähnt, obwohl keine dieser kurzen Entfernungen mit solchen Mengen zu rechnen braucht.

Abb. 7
Normale Distanzsäule in Krakau bei Königsbrück

Auf die Vollständigkeit dieser handschriftlichen Unterlagen ist also kein Verlaß. Leichter dürfte aus den neunhundert Karten und Plänen, die Zürner während seiner Straßenvermessung gezeichnet hat, ein Überblick zu gewinnen sein. Aber auch diese sprechen höchstens für die Absicht und beweisen nicht allzuviel für die wirkliche Aufstellung. Seltsamerweise gibt die große Zürnersche Postcharte von 1730 an den besonders kenntlich gemachten Postrouten nicht eine einzige Distanz- oder Meilensäule wieder, wohl aber finden wir sie kurz vorher bei Schramm als Titelkupfer auf einem Dresdner Festungsplan. Spätere Kartenwerke bieten trotz ihrer Lückenhaftigkeit eher einen Anhalt. Auf den fünfzehn Hauptblättern des Oberreitschen Atlasses z. B. ist der Bestand nach hundert Jahren teilweise eingetragen. Grundsätzlich fehlen auch hier sämtliche Distanzsäulen im Bereich der Städte. Ferner erscheinen ganze Straßenzüge, an denen sich noch heute Meilenzeichen finden, ohne diese, und bei denjenigen Landstraßen, an denen die Vermessung durch die Bezeichnung ¼ M., ½ M., 1/1 M. oder ¼ St., ½ St., 1/1 St. an sich mit auf der Karte vermerkt wurde, ist ihre Reihe doch höchst lückenhaft. Wenn dieser Mangel sich einerseits durch eingetretene Verluste erklärt, bleibt anderseits die zwiefache kartographische Behandlung der ganzen Sache ziemlich unverständlich. So sind manche Provinzstraßen, z. B. Löbau-Neugersdorf, mit sechs entsprechenden Meilenabschnitten genau bedacht, während der wichtigste Handels- und Reiseweg Leipzig-Dresden auf dem Blatt Oschatz kein einziges Postzeichen erwähnt. Erklärlich wird der Unterschied aber dann, wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Oberreitschen Kartenblätter beachtet. Bis 1840 sind die Meilenzeichen durchgängig aufgenommen; sie fehlen dagegen vollständig auf den späteren Ausgaben. So weist das Blatt Dresden von 1830 noch über sechzig Stück nach, während Leipzig von 1839 bereits nicht ein einziges enthält. Auch hierdurch wird die frühere Behauptung erwiesen, daß der Kunststraßenbau mit der Zerstörung zusammenhängt, denn dort war eben schon die alte Poststraße durch den staatlichen Chausseebau ersetzt und die Herren Straßenbauer hatten in der Natur draußen mit den alten Steinen gründlich aufgeräumt. Auf Blatt Zwickau von 1850 sucht man gleichfalls fast vergeblich, wogegen das benachbarte Blatt Chemnitz von 1830 an den Straßen bei Marienberg, Schlettau, Annaberg, Wolkenstein, Lengefeld, Reifland und Freyberg die Vermessungszeichen noch sehr reichlich und vollständig aufweist.

Abb. 8
Beschädigte Distanzsäule, früher am Marktplatz zu Wilsdruff, seit 1860 auf den Rittergutsfeldern von Nieder-Reinsberg bei Nossen